Träumst du manchmal?
Ich habe geträumt. Es war ein
Alptraum.
Ich habe geträumt, dass ich in einer anderen Welt lebe, so vollkommen
verschieden von dieser. Sie war wilder, gefährlicher, sie war
unfreundlicher, kälter... und sie war trauriger. Und als ich sie zum
ersten Mal erblickte, wurde ich ebenfalls traurig.
Ich bin auf einer Straße gestanden, sie war groß und vielfach
verzweigt. Der Boden war nicht angenehm weich und federnd, nein, sondern
hart und grau. Beton. Das war das Wort, das die Bewohner meiner
Alptraumwelt verwendeten. Alles war grau.
Da waren auch noch Häuser. Sie waren hoch, so hoch, dass sie bis in die
Wolken reichten. Ihre Oberfläche war meistens glatt und glänzend, sie
blendete mich, denn die Sonne schien unbarmherzig hell darauf. Ich
fragte mich, wie es wohl war, in so einem Haus zu wohnen. Es wäre
wahrscheinlich zu viel Platz da, niemand braucht ein so großes Haus.
Als ich vor diesen großen Häusern stand, kamen viele Menschen vorbei,
unzählig viele. Sie waren hektisch, sprachen nicht miteinander, und
wenn, dann nur um sich zu beschimpfen. Sie stießen mich, wenn ich nicht
aus dem Weg ging, sie starrten mich auch an, tuschelten und lachten über
mich.
Ich wäre gerne geritten, aber es gab keine Pferde in dieser Welt. Ich
glaube, sie haben sie alle getötet. Ich glaube, sie mögen nichts, das
anders ist als sie.
Ich habe von ihrer Vergangenheit gehört. Sie haben viele Bücher, und
in diesen steht sie. Sie graben ihre Toten aus, um zu sehen, wie sie
waren, als sie noch lebten.
Ich habe ihre Vergangenheit gelesen, aber ich habe sie nicht verstanden.
Sie führten Kriege gegeneinander, weil sie nicht einmal die, die
ihresgleichen sind, leiden können. Sie führen noch immer Kriege
gegeneinander. Sie töten sich.
Sie haben schreckliche Waffen erfunden. Waffen, die tausende von
Menschen - und mehr - in einem schrecklich Moment vernichten können.
Sie lieben diese Waffen. Sie lieben sie mehr, als ihre eigenen Kinder,
die zu Hause liegen, und nichts von den Taten ihrer Eltern wissen. All
diese Menschen leben Tag für Tag mit dem Bewusstsein, dass sie schon
Sekunden später tot sein könnten.
In einem Menschenleben stand zweimal ihre gesamte Welt in Flammen. Sie
nennen es Weltkrieg. Ich kenne nichts vergleichbares, aus der
Vergangenheit meiner Welt. Alle kämpfen gegen alle, mit ihren
schrecklichen Waffen.
Da war ein Mann. Er war schuld am Tod von einer halben Rasse, weil sie
anders war. Viele jubelten ihm zu. Sie liebten ihn. Doch es gab welche,
die ihn hassten. Sie schafften es, ihn zu vernichten. Sie schafften es,
aber erst nachdem schon eine halbe Rasse tot war.
Sie lernen nicht. Sie können es nicht - aus der Vergangenheit lernen,
aus ihren Taten lernen, aus ihren Fehlern lernen. Das sehe ich nun, sie
lernen nicht. Ich erinnere mich, dass wir gelernt haben. Wir haben immer
aus unserem Schmerz, unserer Trauer, unserem Leid gelernt.
***
Ich lag auf dem Boden und starrte in
den Himmel. Unter mir harter Asphalt, über mir dunkler,
sternendurchsetzter Nachthimmel. Es regnete. Meine Haare waren schon
ganz nass, meine Kleidung, meine Haut... Ich spürte jeden einzelnen
Tropfen im Gesicht. Genauso wie das Messer in meinem Bauch und das Blut,
in dem ich lag. Mein Blut. Ich würde sterben, das wusste ich.
Vielleicht hatte ich es schon gewusst, als ich hierhin gekommen war,
vielleicht war ich genau deswegen hergekommen, um zu sterben. Ich machte
mir darüber keine wirklichen Gedanken, der Tod war eine Erlösung.
Ich hatte nicht gewusst, was diese Menschen von mir gewollt hatten. Sie
waren jung gewesen, in meinem Alter. Sie hatten mich überrumpelt, waren
aus ihrem Versteck hervorgesprungen, hatten mich geschlagen, getreten
und schließlich niedergestochen. Ich hatte mich nicht gewehrt.
Und nun lag ich da, mit dem Messer im Bauch, und starrte die Sterne an.
"Immer, wenn ein Mensch stirbt, fällt ein Stern vom Himmel,",
hatte meine Mutter gesagt. Immer, wenn ein Mensch eine Sternschnuppe
sieht, wünscht er sich etwas. Also würde nur ein Wunsch von mir überbleiben?
Erst als ich die Augen schloss, den letzten Atemzug tat, wachte ich auf.
***
Ich lag auf dem Waldboden, im weichen
Moos. Neben mir stand ein Einhorn, stupste mich sanft mit seinen Nüstern
an und schenkte mir einen Teil seines Zaubers. Ich war glücklich.
Ich sah in den Himmel. Er war von dem schönsten, reinsten Blau, das ich
jemals gesehen hatte und die Sonne belächelte mein Gesicht. Langsam
stand ich auf und ging zum See. Ich kniete mich ans Ufer und sah hinein,
beschwor die alten Geister.
Das Wasser wurde trüb und langsam stieg aus den Tiefen des Sees eine gläserne
Kugel auf. Sie schwebte vor mir und mit einem einzigen meiner Gedanken
konnte sie mir jeden Ort des Landes zeigen. Ich betrachtete die
verschiedenen Bilder, die durch die Kugel zogen. Sie waren erfüllt von
Frieden, von Glück. Alle Wesen lebten in Harmonie, von den Elfen und
Feen im Wald des Morgentaus, zu den Trollen in den unterirdischen Höhlen,
den Zwergen in den Bergen des Weißen Glanzes und den Menschen - Bauern,
Zauberer, Händler,... - die über das gesamte Land verteilt waren.
Ja, die Menschen waren auch hier am zahlreichsten, doch unterdrückten
sie nicht. Was hatte die Menschen der Welt in meinem Traum dazu bewogen,
so zu handeln? Welches Schicksal war ihnen wohl zuteil geworden?
Ich schüttelte diesen Gedanken ab wie lästigen Staub auf meinem
Gewand. Es gab nichts wahres an meinem Traum, kein Grund, sich damit zu
beunruhigen.
Ich beschloss, heute nach Erenna zu reisen. Einige Freunde erwarteten
noch Besuch von mir, und ich hatte auch eine kleine Überraschung für
sie. Ich freute mich auf unser Wiedersehen, so viel Zeit war seit dem
letzten Mal vergangen...
Als ich mich zum gehen wenden wollte, verblasste plötzlich die Welt vor
meinen Augen. Sie verschwand. Ich verstand nicht, was um mich herum
passierte. Alles drehte sich, ich fühlte mich elend.
***
Ich lag wieder in meinem Blut, das Messer
war auch wieder in meinem Bauch. Ein Traum? Schon wieder dieser
Alptraum? Nein, es war kein Traum. Ich spürte, dass dies hier meine
Welt war, meine Realität. Ich wusste es einfach.
Es war aus.
Mit meinem letzten Atemzug kam die Erkenntnis, dass ich in Wahrheit in
meiner Alptraumwelt lebte, gelebt hatte. Und meine Welt, meine
Wirklichkeit war nur ein Traum. Verzweiflung.
Ich fiel.
***
Träumst du manchmal?
Träumst du von Feen mit spitzen Ohren und von weißen Pferden mit Hörnern
auf der Stirn?
Oder träumst du von grauen, pilzförmigen Wolken, die deine Haut
zersetzen und von Menschen mit grauen Gesichtern, die du nicht kennst?
Willst du aufwachen?