Sternmythos

Stars are beautiful, but they may not take an active part in anything, they must just look on forever. It is a punishment put on them for something they did so long ago that no star now knows what it was. So the older ones have become glassy-eyed and seldom speak (winking is the star language), but the little ones still wonder.

- J. M. Barrie, Peter Pan

 

Die Erde war alt, und ebenso alt waren die Sonne, der Mond und die tausenden funkelnden Sterne am Firmament. Doch unter ihnen und viel jünger als sie waren die Menschen. Zu dieser Zeit waren die Sterne noch nicht an den Himmel gebunden und konnten frei herumfliegen. Sie liebten es zwischen dem Mond und dem Horizont zu wandern und ihren großen Bruder umkreisen. Die Menschen interessierten sie kaum. Erst als die Menschen älter wurden und aus den Höhlen in Häuser wanderten und durch Fenster aus Holz und Glas die Sterne aussperrten, wurden sie neugierig. Manchmal blickten sie dann von oben auf die Häuser in die Fenster. Aber sie konnten nichts interessantes entdecken und kehrten zurück zu ihren Spielen im Himmel. Nur einmal stieg eine Sterngruppe hinab und sah genauer in die Häuser hinein. Sie sahen nicht die Erwachsenen und die Alten. Die waren wie unsichtbare Geister. Sie sahen die Kinder. Schlafende Kinder. In ihren Bettchen lagen sie, und die Sterne konnten sehen, wie sich um sie herum Träume woben. Die Sterne konnten nicht sagen, wieso, aber plötzlich wurden sie traurig. Denn Sterne schlafen und träumen nicht. Sie verblassen bei Morgendämmerung und erstehen erneut wenn die Nacht beginnt.

Die Sterngruppe ging wieder in den Himmel hinauf. Sie waren ganz still, und die anderen Sternchen fragten: “Warum seid ihr so traurig?” Doch sie konnten als Antwort nur ihre Köpfe schütteln und sagen: “Wir wissen es nicht.” Und sie erzählten den anderen Sternen, was sie bei den Menschenkindern gesehen hatten.

Neugierig zog es in der nächsten Nacht mehr Sterne zu den Fenstern der Kinder hinunter. Wie sie durch die Fenster sahen, wurden auch sie traurig. Langsam verstanden sie, wieso sie traurig wurden. “Die Menschenkinder haben etwas, was wir nie bekommen können,”, sprachen sie. “Das Träumen ist uns versagt.” Und sie weinten.

Unter den Sternen gab es einen, der nicht weinte. Er sah weiter auf die Häuser der Menschen hinunter und war nicht traurig, sondern ärgerte sich. Alles was er nicht verstand, ärgerte ihn. Er überredete die Sterne noch einmal hinunter zu fliegen, damit sie sich das holten, was ihnen fehlte. Die Sterne mochten diesen einen Stern und begeisterten sich schnell für seine Idee. So sausten sie aus dem Himmel hinunter, sausten zwischen den Häusern umher und in die Fenster hinein. Die Träume schreckten zurück, aber sie fühlten den Schmerz in den Sternen und wehrten sich nicht, als die Sterne sie aus den Zimmern holten und zu sich in den Himmel brachten. Den Sternen eröffnete sich durch die Träume eine völlig neue Welt und sie flogen umso glücklicher durch die Nacht. Sie konnten sich nicht vorstellen, jemals nicht geträumt zu haben. Den Menschenkindern aber fehlte ein wichtiger Teil in ihnen. Sie wurden unglücklich und nichts konnte sie aufheitern. Sie konnten auch nicht sagen, was ihnen fehlte.

Bald sah der Mond, was geschehen war, und er wurde zornig. Er wies seine kleinen Brüder zurecht und befahl ihnen, den Kindern die Träume zurück zu geben. Widerstrebend folgten die Sterne. Nach dieser Nacht aber strahlten sie nie wieder so hell wie in der Zeit, als sie träumten. Der Mond, die Sonne und die Erde kamen zusammen und berieten sich, was sie machen sollten, da die Sterne doch sehr stark in den Lauf der Dinge eingegriffen hatten. “Die Sterne sind zwar so alt wie wir, aber sie sind zu viele und zu verwirrt und lernen nicht aus dem, was sie tun. Sie sind doch noch wie Kinder,”, sagten sie. Und sie beschlossen, den Sternen einen festen Platz im Himmel zuzuweisen, auf dass sie von dort ruhig beobachten und Geduld lernen, bevor sie wieder aktiv an etwas teilnehmen konnten. So fliegen die Sterne heute nicht mehr im Himmel umher und kommen nicht mehr in die Zimmer der Kinder, um ihre Träume zu sehen. Nur manchmal darf einer seinen Platz verlassen, wenn Sonne, Mond und Erde beschließen, dass er reif genug ist und keinen Unfug treiben wird. Dann wird er zur Sternschnuppe.