Heldentod

Erfahrung hat gezeigt, dass die meisten Helden zu stark sind, als dass sie von irgendjemand anderes getötet werden könnten. Und diejenigen, die dennoch im Zweikampf oder in der Schlacht, in der es keine Regen gibt, um kommen, waren nie Helden.
Trotzdem... auch Helden sterben. Sie werden von sich selbst getötet, heimlich, wie langsam schleichendes Gift den Körper zu Erschöpfung treibt, wird der Held innerlich aufgefressen. Seine Taten, sein Mut , seine Tapferkeit - dies alles wird unbedeutend und zerfällt zu Staub, wird vom Wind weggeblasen. 
So stellt sich nun die Frage, warum Helden nicht einfach Helden bleiben können und quasi todesmutig Selbstmord begehen. Nun, Helden werden nicht geboren (nie!), sondern entwickeln sich aus den Menschen - es sei diese Rasse angeführt, da nur sie den Begriff "Held" verwendet. Und so wie in jedem Menschen ein Held ist, ist auch in jedem Helden ein Mensch. Dieser Mensch ist vielleicht nicht stärker, dennoch kann letztendlich nur er übrig bleiben. Niemand ist ganz Held. Also tut dieser Mensch alles in seiner Macht stehende um wieder die Kontrolle über den Körper zu gewinnen, die der Held ihm entrissen hat. Durch die Tatsache, dass Mensch und Held ein und dieselbe Person sind, tötet der Held sich selbst.

Dieser Heldentod ist allerdings nie körperlich, sondern geistig. Hier ergibt sich für den Menschen nun ein Problem: Tötet er den Geist (genauso wie den Körper) ist das Resultat unbefriedigend und unbrauchbar. Als einziger Ausweg bleibt die Möglichkeit, den Helden indirekt zu vernichten. Es bleibt also, dass der Mensch die Hilfe anderer benötigt. Er schwächt den Helden, so dass er teilweise die Kontrolle übernehmen kann. Er sorgt dafür, dass der Ruf des Helden so weit geschädigt ist, bis ihn niemand mehr als Held ansieht. Und dann ist der Held tot.
Daraus kann man schließen, dass ein Held immer einen Zwiespalt in sich hat, einen Abgrund in der er zu fallen droht. Dies verstärkt den Druck der auf ihm liegt, woraufhin der Mensch es leichter hat, den Helden zu schwächen.

Ich habe viele Helden gesehen und sie sind gefallen, durch den Zwiespalt in sich, durch das Menschliche. Für jeden von ihnen gab es Momente, in denen der Mensch durchbrach, die Kontrolle übernahm und ihn in den Abgrund warf. Ein böses Wort an den Unschuldigen gerichtet, ein zorniger Blick oder eine falsche Drohung gegen die, die am Wenigsten für die Situation verantwortlich sind und schon bekommen sie einen schlechten Ruf. Für manche ist dieser schlechte Ruf unbedeutend, für sie lebt der Held, aber auch nur für sie, und es sind zu weinige, als dass der Held wirklich überleben könnte.
Der Held stirbt, und was zurückbleibt ist der Mensch, oft gebrochen, durch die Situation, in die er sich selbst gebracht hat, und dadurch, dass ein teil - der Held - nun fehlt.
Für die anderen ist der Held kein Held mehr (ob er für sie tot oder ein Mensch ist, ist egal) und in dem Augenblick, in dem sie dies begreifen, war er auch nie ein Held. Man legt ihm Worte in den Mund, die er nie auch nur gedacht hat, spricht seine Taten anderen, "wirklichen"  Helden zu, die später ebenfalls sterben werden und somit niemals existierte habe. 
Und daher hat es nie auch nur einen Helden gegeben.

Lilliana Sternenstaub