Die Dämonen des Sillendon

Im Herzen von Demarya, einer Welt voller Magie und Abenteuern, langer und harter Kriege auf den weiten Ebenen der Sonne, und kurzer, aber dafür umso ruhigerer Friedenszeiten, liegt der Kontinent Kher, und in dessen Mitte Sillendon, ein dichter, riesiger Wald. Viele Gerüchte ranken sich um ihn, denn nirgends kann man die Ansammlung von magischer Energie mehr spüren, als zwischen den Bäumen des Sillendon. Nie scheint es Winter zu werden, nie wird auch nur ein Blatt rötlich und steigt langsam - vom Wind getragen - herab auf den weichen Moosboden. Wann immer der Wind in die unendlichen Baumkronen fährt und sie zum Rascheln bringt, erklingt ein leises Lied auf den Pfaden des Waldes, nur hörbar für jene, die still mit geschlossenen Augen dastehen und in sich einen Keim der Natur, eine besondere Verbundenheit mit der Erde, tragen und den Wind zu deuten vermögen. Auch die Tiere verhalten sich still und lauschen der Melodie, denn sie wissen, dass der Wind nur der Bote ist, und die Klänge in Wirklichkeit von den geheimen Geistern des Sillendon kommen, von den Menschen einfach "Kinder des Sillendon" genannt, aus Mangel an besserer Ausdrucksweise. Manche nennen sie auch verächtlich Dämonen. Die Wahrheit ist irgendwo zwischen den Trinkgeschichten der Tavernenbesucher und den Worten der Geschichtenerzähler verborgen, zwischen wirren Fieberträumen und den Augen derer, die einst den Wald betraten und ihn nach Jahren als völlig andere Menschen wieder verließen.


"Rolerion!"
Mit einem Satz sprang der Junge auf und lief zu dem alten Mann, der eben durch das Eingangstor des Dorfes geschritten war. Rolerion keuchte, als der Kleine sich in seine Arme warf und ihn drückte.
"Nicht so stürmisch, Junge, nicht so stürmisch. Meine Knochen sind nicht mehr die Jüngsten."
Ein Lachen entrang sich seiner Kehle, als er den Knaben sanft von sich wegschob. Als dieser anfing, ihn sofort mit Fragen zu überhäufen, schüttelte er nur den Kopf und wehrte mit den Händen ab.
"Eins nach dem anderen, Ty. Lass einen Greis erst zu Atem kommen, bevor du ihn ihm wieder wegnimmst."
Tys Wangen glühten vor Freude, Rolerion zu sehen, aber er kam dessen Bitte nach und schloss seinen Mund vorerst. Auch einige andere Kinder waren inzwischen auf den Besucher aufmerksam geworden und umringten ihn, nicht weniger neugierig auf die Neuigkeiten, die dieser mit sich brachte, als Ty. Erst als Rolerion ansetzte, etwas zu sagen, wurde es etwas ruhiger.
"Ein Wanderer braucht seine Ruhe,", sprach er, "bevor er weitergehen kann, um nicht aus Müdigkeit vom rechten Weg abzukommen. Und so braucht auch ein Geschichtenerzähler Erholung, bevor er Geschichten erzählen kann. Lasst mich einige Stunden meine Verpflichtungen euch gegenüber vergessen, und ich werde euch heute Abend an Orte entführen, von denen ihr nie auch nur geträumt habt."
Mit diesen Worten und einem geheimnisvollen Lächeln bahnte er sich einen Weg durch die kleine Schar und steuerte die nächste - und einzige - Taverne des Dorfes an, wo er sich noch einmal denselben Fragen und den nicht weniger stürmischen Begrüßungen seiner alten Freunde stellen konnte. Rolerian war im Dorf altbekannt und immer gerne gesehen. Die Kinder liebten ihn seiner Geschichten wegen und jedes Mal, wenn er zu Besuch kam, verbrachte er nicht wenig Zeit bei ihnen. Auch bei den Älteren rief er keine schlechten Erinnerungen hervor, durch seine offene Art hatte er schnell die Sympathie der kleinen Gemeinde auf seiner Seite gehabt.

Die Schatten wurden länger und die Straßen leerten sich zunehmend. Auf dem Platz im Zentrum befanden sich nur noch wenige, die meisten hatten es sich in der Taverne oder zu Hause gemütlich gemacht, nur die Gruppe von Kindern, die sich um Rolerion scharte, zeigte alles andere als die Absicht, irgendwohin zu gehen. Der alte Mann lehnte gegen den kreisrunden Stein, der das Zentrum jeder Stadt und jedes Dorfes in Kher kennzeichnete, während die Kinder dicht beieinander am Boden saßen.
"Erzähl uns eine Geschichte,", riefen sie durcheinander.
"Ja, eine Geschichte!"
"Drachen, ich will etwas über Drachen hören." "Nein, Elfen. Über die Elfen in den Silberwäldern." "Wen interessieren schon Drachen und Elfen?" "Ritter!"
So füllte sich der Platz mit den Stimmen der Kinder, die sich auf keine Geschichte einigen konnten. Rolerion führte seinen Zeigefinger zu den Lippen, ihnen bedeutend zu Schweigen. Zuerst tat sich nichts, doch mit der Zeit wurde es immer stiller, und gleichzeitig schloss der Geschichtenerzähler langsam die Augen. Als es vollkommen ruhig war und keine Wort mehr aus den Mündern der Kleinen drang, legte er seine Hand wieder auf den kalten Stein unter ihm und öffnete erst dann die Augen. Seine Stimme war nur ein Flüstern.
"Drachen. Ihr kennt diese edlen Wesen von Geschichten, die ihr alle gehört habt, und doch hat jeder von euch eine andere Meinung von ihnen, stellt sie euch anders vor. Man sagt, ein Drache hört jedes Wort, wenn jemand über seine Rasse spricht. Verzeiht, doch ich will mir nicht den Zorn dieser Geschöpfe zuziehen, so schweige ich über sie.
Elfen sind fast ebenso unbekannt. Es scheint so, als ob sie sich vor uns Menschen verstecken und ich fürchte, ich kann meine Worte nicht sorgfältig genug wählen, um ihre Grazie und Reinheit und die Ehrfurcht, die ich vor ihnen habe, auszudrücken. Genauso wenig kann ich die anderen Namenlosen beschreiben, Einhörner, Greifen, Wolfsgeister...
Ritter und andere Krieger kämpfen in diesem Augenblick um ihre Länder im Süden, wo immer Krieg zu sein scheint. Es ist nicht die richtige Zeit, von glorreichen Kämpfen zu sprechen, sind sie doch nie glorreich.
So will ich euch eine andere Geschichte erzählen, eine Legende. Ich will den Gerüchten über die Dämonen des Sillendon ein weiteres hinzufügen, das vielleicht der Wahrheit entspricht, und vielleicht auch nur vollkommen erlogen ist."
Und er begann zu erzählen...

Es war eine sternenklare Nacht, keine Wolke befand sich über Kher. Migam, das Dorf, das sich am nächsten zum Sillendon befand, war hell erleuchtet. Die zahlreichen Fackeln, die die Dorfbewohner mit sich trugen, warfen flackernde Schatten an die Hauswände. Traditionell versammelte sich das gesamte Dorf zu Neumond, um das "Ritual" zu vollziehen. Es war eine grausame Tradition.
Alle standen in einem unförmigen Oval um den Dorfobersten, der vor sich eine große Schüssel postiert hatte, in der sich Lose - eines für jeden Dorfbewohner - befanden. Als es ruhiger wurde, erhob er seine Stimme.
"Erneut verbirgt der Mond sein Antlitz und erneut kommen wir zusammen, um aus unserer Mitte einen zu bestimmen, der uns verlassen wird. Wer es auch sein mag, ob Mann oder Frau, Greis oder Kind, er ist vom Schicksal bestimmt und wie es bestimmt ist, so soll es geschehen."
Es waren immer dieselben Worte, die der Dorfoberste sagte, und jeder kannte sie mittlerweile auswendig.
Er nahm einen der Zettel aus der Schüssel und öffnete ihn. Nachdem er den Namen gelesen hatte, sah er wieder auf und verkündete laut: "Lhaes Taen."
Aus der geisterhaften Stille wurde ein Murmeln. In den hinteren Reihen hörte man ein ausgestoßenes "Nein!", gefolgt von einem Schluchzen. Lhaes' Mutter. 
Um die dunkelhaarige Frau bildete sich ein kleiner Kreis. Sie kniete auf dem Boden, den Kopf auf ihre Hände gestützt und ihren Ehemann neben ihr. Er war genauso geschockt wie seine Frau und fand selbst nicht die Worte, um ihr oder seinem Sohn gut zuzureden. Einzig Lhaes stand still daneben, ohne einen Funken Furcht in seinen Augen. Sein Blick war auf seine Eltern gehaftet.
"Das Los ist auf dich gefallen, Lhaes." Der Dorfoberste hatte sich seinen Weg zu der Familie gebahnt.
"Ich erkenne das Schicksal an,", antwortete Lhaes. Die Worte gehörten genauso zum "Ritual", wie die Auserwählung eines Dorfbewohners oder das nächtliche Treffen.
Lhaes' Mutter hatte sich inzwischen etwas beruhigt und gehört, was ihr Sohn gesagt hatte. Ihr Gesicht zeugte von tiefster Verzweiflung.
"Nein, bitte! Nicht Lhaes, nicht mein Sohn! Er ist noch zu jung, ich bitte euch. Bitte!"
Der Dorfoberste schwieg. Alle kannten die Regeln, alle wussten, dass das Flehen der Frau keinen Sinn hatte.
"Nehmt mich statt ihm, so werden die Dämonen genauso zufriedengestellt. Es macht doch keinen Unterschied..."
Sie brach ab, als noch immer keine Antwort kam, und verfiel wieder in ein Schluchzen.
"Das Schicksal hat gewählt. Dein Sohn hat das Schicksal angenommen. Du weißt, dass es so und nicht anders sein darf. Ihr habt eine Stunde, um euch fertig zu machen, dann brechen wir auf."

Der Platz leerte sich. Einige blieben noch, um der Familie von Lhaes Trost zuzusprechen, auch wenn jeder insgeheim froh war, dass es nicht ihn getroffen hatte. Schließlich kehrten auch die Letzten in ihre Häuser zurück. Für Lhaes würde es das letzte Mal sein, dass er sein Zuhause sah.
Lhaes war ein lebhafter, fröhlicher Junge, immer für einen Streich zu haben und stets der Erste, wenn es darum ging, etwas neues auszuprobieren. Auch wenn er sich dadurch schon so manche Tracht Prügel eingeholt hatte, war seine Neugier - und sein Trotz - groß genug geblieben, um beim nächsten Mal wieder mitzumachen. 
Und jetzt, wo er zu den Dämonen gehen sollte, war seine Neugier fast größer. Er hatte zwar die Geschichten gehört, Geschichten von baumgroßen, wilden Bestien, die nachts wüteten und Reisende anfielen oder kleinen Kobolden, die mit ihrer Magie jeden Eindringling paralysierten und ihn lebend verspeisten, so dass er jeden einzelnen Biss spürte, doch war er bis zum Schluss davon überzeugt, er könne die Dämonen zurückschlagen.
"Wir werden uns wiedersehen." Er sah seine Eltern aufmunternd an, die seine Gefühle jedoch nicht teilten. Seine Mutter starrte ihn nur sprachlos an und ihre Augen füllten sich wieder mit Tränen. Sein Vater nahm sie in die Arme und versuchte vergeblich zu lächeln.
"Ja... vielleicht."

Als eine Stunde vorüber war, stand Lhaes am Ausgang des Dorfes. Bei ihm war nur sein Vater, seine Mutter war zu Hause geblieben. Bevor er gegangen war, hatte sie ihn noch umarmt, lange, es war ihm wie eine kleine Ewigkeit vorgekommen. Für diesen Moment war Lhaes' Enthusiasmus kurz gewichen und er hatte schon jetzt gefühlt, wie sehr ihm seine Mutter fehlen würde.
‚Ich werde zurückkommen,', dachte er bei sich.
Bald darauf kamen auch der Dorfoberste und zwei weitere Männer mit Fackeln, die ihn in den Sillendon begleiten sollten. Es war nicht weit, nur etwa eine halbe Stunde zu Fuß. Kein Wort wurde gesprochen. Lhaes fühlte die Kälte, die durch sein Gewand kroch, aber er wagte es nicht, sich deswegen zu beschweren. Stattdessen rieb er die Hände aneinander.
Er fragte sich, wie die Dämonen wohl aussahen. Die Geschichten beschrieben ihr Erscheinungsbild zwar, aber immer anders, so dass man die Wahrheit nicht wissen konnte. Vielleicht gab es aber auch verschiedene Dämonenarten und deshalb auch so viele verschiedene Geschichten.

Die Zeit verflog wie im Flug und schon bald erschienen die ersten Bäume des Sillendon. Als sie nur noch wenige Schritte vom Wald entfernt waren, blieben alle bis auf Lheas selbst und dessen Vater zurück. Lheas wusste nicht, was geschehen würde, ob einige Dämonen aus dem Wald kommen und ihn mitnehmen würden, oder ob sie zuerst eine Art von Beschwörungsformel sprechen mussten. Im Dorf hatte man darüber nie ein Wort verloren, niemand wollte sich gern an diesen einen Tag eines jeden Monats erinnern, geschweige denn von ihm sprechen.
"Von hier an musst du alleine gehen,", eröffnete ihm sein Vater. Also keine Formel und auch keine Dämonen - noch nicht. "Niemand, der nicht ausgewählt wurde, darf den Sillendon betreten. Es ist..."
Er brach ab, zog Lhaes zu sich und drückte ihn. Als er ihn wieder losließ, waren seine Wangen feucht geworden.
"Pass auf dich auf, mein Sohn."
Lhaes wusste nicht, was er sagen sollte. Er wusste, dass er seinen Vater vielleicht nie wieder sehen würde, vielleicht aber auch schon morgen.
"J...ja, Vater,", war das einzige, das er herausbrachte.
Unsicher stand er herum, bis sein Vater sich herumdrehte und auf die anderen Dorfbewohner zuging.
Nie wieder sehen.
"Vater!"
Lhaes sah, wie sein Vater sich herumdrehte und ihn traurig ansah. Die ganze Situation wirkte auf ihn so irreal, wie nur möglich, aber dennoch: Sie war echt.
"Ich werde zurückkommen. Wir werden uns wiedersehen." Seine Worte zum Abschied klangen verzweifelt, auch wenn er es nicht wollte. Lhaes fühlte, wie ihm heiße Tränen in die Augen stiegen und er wandte sich ab. So schnell er konnte, rannte er in den Wald, bis der Weg außerhalb des Sillendon nicht mehr sichtbar war. Nun war er wirklich allein.
Er blieb stehen uns sah sich um. Es sah so aus wie in jedem Wald, in dem er bisher gewesen war. Die Bäume waren genauso grün und der Weg genauso steinig. Wäre der Name nicht gewesen, hätte es keinen Unterschied gemacht.
‚Wenn hier Dämonen sind, sind überall sonst auch Dämonen.'
Niemand hatte ihm gesagt, was er tun sollte, wenn er erst einmal im Wald war, oder was überhaupt geschehen würde. Es wusste wohl niemand wirklich, aber die, die vor ihm hier gegangen waren, mussten wohl auch ihren Weg gefunden haben. Lhaes würde den Seinen finden.
Er ging den Weg entlang, auf dem er gekommen war. Bis auf ein paar Pfade, die zwischen den Bäumen hindurch führten, gab es auch keinen anderen, und diese Pfade waren wohl eher natürlich entstanden und würden irgendwo mitten im Wald aufhören. Er hatte gehört, dass der Sillendon der größte Wald des Kontinents war, und machte sich darauf gefasst, einige zeitlang zu gehen, bevor er etwas finden würde, wer oder was "etwas" auch war. Der Wald veränderte sich kaum - die Bäume sahen alle gleich aus, was Lhaes am Anfang interessiert hatte, da sie sich von denen in der unmittelbaren Nähe seines Dorfes stark unterschieden. Die ersten Verästelungen bildeten sich weit oben, dort dafür dicht, so dass nur ein kleiner Teil des Nachthimmels sichtbar war, wenn überhaupt.
Lhaes fror auch nicht mehr so sehr, ein beständiger, warmer Wind durchzog den Wald.
Ein Kind?
Lhaes blieb abrupt stehen und sah sich um. Er hatte eine Stimme gehört, er war ganz sicher.
Ein Knabe.
Schon wieder! Er konnte keine Richtung ausmachen, aus der die Stimme - oder waren es mehrere? - kam und drehte sich verwirrt herum. Langsam tastete seine Hand zu dem Dolch, den er eingesteckt hatte, bevor sie losgegangen waren.
Gekleidet nachtschwarz wie ein Rabe.
Der Dolch sprang wie von selbst in seine Hand. Konnte es sein, dass die Dämonen gestaltlos waren, Geister? Dann würde er sie nicht bekämpfen können.
"Wer seid ihr?" rief er in die Dunkelheit hinaus, ohne wahre Hoffnung auf eine Antwort. Dennoch bekam er eine, auch wenn er sie nicht deuten konnte. Mit einem Mal verstärke sich der Wind und Lhaes kämpfte mit dem Gleichgewicht, konnte sich aber gerade noch fangen. Er versuchte, sich gegen den Sturm zu lehnen, als ihn etwas an der Hand traf und er nun doch das Gleichgewicht verlor. Der Dolch entglitt ihm und er lag am Boden, seine schmerzende Hand haltend.
Du wagst es, uns mit diesem Spielzeug zu bedrohen? Deine Lektion wirst du lernen. DEMUT!
Der Schmerz in seiner Hand vergrößerte sich und die Worte der Dämonen wirkten auf seinen Geist wie Peitschen. Lhaes schrie in Agonie auf.
‚Fühlt es sich so an, wenn man stirbt? Schmerz, Schmerz, Schmerz -'
So plötzlich, wie der Sturm begonnen hatte, endete er auch wieder. Als das Gefühl von tausend Nadeln, die in seine Hand gebohrt wurden, etwas nachließ, wagte er es, die Augen wieder zu öffnen. Der Wald schien keine Schäden davongetragen zu haben, er lag da wie zuvor.
Das einzige, das sich geändert hatte, war der Weg, auf dem Lhaes lag. Einige Schritte entfernt wurde er glatter, auf eine groteske Art sauberer, und mitten auf dem Weg stand ein junges Mädchen. Sie sah ihn unverwandt aus smaragdgrünen Augen an. Das dunkelbraune Kleid, um das sich ein goldener Gürtel wand, schien mit der Natur eins zu sein und die rötlichen Haare umrahmten ihr jugendliches Gesicht. Nachdem sie einige Minuten gewartet hatte, ging sie auf ihn zu. Sie entdeckte den Dolch, den Lhaes fallen gelassen hatte, und wollte ihn aufheben. Doch als ihre Finger ihn schon fast berührten, zuckte sie zurück, als hätte sie sich verbrannt.
‚Oder als wenn ihr eine innere Stimme befohlen hätte, es nicht zu tun.'
Stattdessen ging sie näher an ihn heran und beobachtete ihn.
"Steh auf!" Ihre Stimme bildete einen scharfen Gegensatz zu ihrem unschuldigen Äußeren. Sie klang kalt, hart, befehlsgewohnt. Trotz seiner körperlichen Verfassung stand Lhaes auf und versuchte, ein paar Schritte zu gehen. Er wankte.
"Gut, zumindest kannst du alleine gehen. Und jetzt kommt!"
Der Ton, in dem sie mit ihm sprach, gefiel ihm nicht. Auch wenn sie mindestens fünf Jahre älter war als er, verlangte er eine Erklärung. Sie lachte nur, ein spöttisches Lachen, das man einem Sklaven schenkte, der verlangt hatte, König zu werden.
"Meine Herren erwarten dich. Du solltest besser tun, was sie wünschen, sonst werden sie dich Demut lehren."
Demut, das Wort, das die Stimme auch verwendet hatte. Wenn Lhaes richtig lag, dann mussten die Dämonen diese Herren sein, von denen das Mädchen sprach. Ihm blieb wohl keine Wahl.
Der Weg war nicht weit, zumindest kam es ihm nicht weit vor. Sie waren schon bald vom Hauptweg abgezweigt und hatten einen der Pfade betreten. Die Bäume standen immer dichter zusammen und Lhaes schien es, als ob sie vor dem Mädchen etwas zurückwichen und sich hinter ihm wieder schlossen. Die Orientierung hatte er schon lange verloren.
Ein paar Mal hatte er versucht, das Mädchen etwas zu fragen, aber entweder hatte sie ihn ignoriert oder eine weitere Drohung verkündet. Danach hatte er den Mund gehalten.
Als sie stehen blieb und ihm sagte, dass sie da wären, hatte er sich nur verwundert umgesehen. Dieses Stück Wald war nicht anders als das, wo sie gerade noch vorher gegangen waren, und das davor. Der Wind nahm wieder zu.
"Sie kommen."
Lhaes warf ihr einen fragenden Blick zu, den sie mit einem Nicken beantwortete.
"Der Wind kündigt ihr Kommen an, er trägt die Melodie, das Lied, das sie singen. Du wirst es noch verstehen."
Der Wind nahm weiter zu, zwar war er nicht so stark, wie der Sturm, aber doch unangenehm. Dann schlug der Wind um und bildete kleine Luftwirbel.
"Meine Herren möchten mit dir sprechen,", eröffnete ihm das Mädchen. "Doch würdest du nicht wünschen, dass sie mit dir sprechen, ihre Stimmen berühren stets die Seele und heute sind sie nicht erbaut. Sie werden mir ihre Gedanken mitteilen und ich werde für sie sprechen."
Lhaes war nicht ganz klar, was sie damit sagen wollte, aber zumindest einen Teil davon konnte er sich denken. Als der Sturm gekommen war, hatten sie mit ihm gesprochen, und wenn ihre Worte es gewesen waren, die seine Schmerzen hervorgerufen hatten, dann wollte er wirklich nicht mit ihnen sprechen. Er hörte zu.
"Die Ruhe wurde erneut gestört. Ihr bringt das Gleichgewicht durcheinander, mit euren unsinnigen Ängsten, den Opfern, Auserwählten, wie ihr sie nennt. Ihr wundert euch, dass sich der Wald gegen euch wendet, wenn ihr es seid, die ihm Leid zufügt. Ihr fürchtet euch, wenn eure Auserwählten sterben. Du musst verstehen, was ihr verursacht habt, fällt auf euch zurück, sonst kannst du nicht lernen. Daher erzählen wir dir dies.
Du hättest auch sterben sollen. Doch wir fühlten etwas in dir, etwas das uns fasziniert, unsere Neugierde weckt, doch auch beunruhigt. Daher lebst du, atmest du. Du hast ein ungewöhnliches Schicksal, das hier beginnen soll."
Lhaes fühlte, dass sie ihm nicht mehr sagen würden und versuchte das Gesagte zu begreifen.
"Du hast meine Herren gehört." 
Lhaes sah sie unverständig an. Sie schnaubte und warf ihm einen abschätzigen Blick zu.
"Du wirst hier leben und lernen. Du hast in der Tat einiges zu lernen, Kind."
"Was?" Hier leben? Im Wald? Es klang genauso lächerlich, wie es wahrscheinlich war. Es war einfach... lächerlich. Ein anderes Wort fiel Lhaes dafür nicht ein. Das Mädchen musste eine Verrückte sein. "Aber die Dämonen -"
"Nenn sie nie wieder Dämonen!" Die Augen des Mädchens blitzten. "Nur weil sie eure Angstgeschichten so darstellen, sind sie es nicht. Schweig, wenn du nur Unsinniges redest."
"Warum sollte ich hier bleiben? Warum sollte ich im Wald leben wollen?" Lhaes wollte ihr klarmachen, dass seine Heimat sein Dorf war, seine Eltern auf ihn warteten und er in diesem Wald nichts zu suchen hatte. Er gehörte nicht hierher, das hatten schon die Dämonen gesagt.
"Weil du keine Wahl hast. Du wirst nicht aus dem Wald finden, auch wenn du noch so lange herumirrst. Dafür sorgen meine Herren schon."
Lhaes wollte es mit anderen Argumenten versuchen, wollte sie anflehen, ihn gehen zu lassen. Er hatte zwei Zukunftsvisionen gehabt, als er gekommen war: Die Dämonen töten und nach Hause zurückkehren oder den Tod.
Doch alles, was er ihr an den Kopf werfen wollte, verschwand augenblicklich aus seinem Gedächtnis, als er in ihre Augen blickte. Ihr Augen, wo er alle Antworten ablesen konnte, auf Gefragtes und Ungefragtes.
Er hatte keine Wahl. Er hatte nie eine gehabt und würde auch nie eine haben, solange er bei ihren, nein, seinen Herren im Sillendon lebte. Sie gab ihm ein Handzeichen und er folgte ihr, um sich seine neue Heimat zeigen zu lassen.

Zehn Jahre später würde Lhaes Taen einer der bekanntesten Helden des Kontinents Kher sein und größten Respekt und Dank gegenüber den Herren des Sillendon haben. Doch bis dahin war es ein langer Weg und er hatte erst einen kleinen Schritt getan, der anstrengendste Teil lag noch vor ihm.
Demut.