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Die Chronik der Unsterblichen - Das
Vermächtnis
Die wenigen steinernen Türme, welche die Zerstörung
überstanden hatten, griffen nach dem Himmel wie Skelettfinger. Als
wollten sie denen folgen, die ihnen vorausgeeilt waren. Düstere Wolken
schienen es ihnen leichter zu machen, indem sie besonders tief hingen.
Ein sanfter Wind trieb den Geruch von Staub und Asche auf den kleinen Hügel.
Alexander blickte starr auf die Ruinen hinunter. Seine Miene
verfinsterte sich, je länger er sie betrachtete. Sie waren zu spät
gekommen. Wieder einmal.
Schweigend ritt die kleine Kolonne auf das zu, was einst ein Dorf
gewesen war. Das Ausmaß der Verwüstung wurde schlimmer, je näher sie
kamen. Vereinzelt konnte Alexander noch glühende Dächer erkennen,
Scheunen und kleine Lagerräume, die das Feuer zwar erfasst hatte, die
aber durch den ihm folgenden Regen von dem größten Schaden bewahrt
worden waren. Den Dorfbewohnern würde dies auch nichts mehr nutzen.
Ihre Körper lagen leblos auf den Straßen.
Der Anblick war derselbe, wie der eines jeden Dorfes, an dem die Gruppe
vorbeigekommen war, seit sie beschlossen hatten, dem unsterblichen Heer
zu folgen. Der Geruch des Todes war ihnen vorausgeeilt, um sie immer
wieder aufs neue zu begrüßen.
"Man sollte sie begraben,", murmelte ein Reiter hinter
Alexander.
Ja, man. Aber nicht wir. Unsere Aufgabe liegt noch vor uns.
Sie überließen es der Zeit, den Toten ihre letzte Ruhestätte zu
schaffen. Sie hingegen mussten dafür sorgen, dass Vergeltung geübt
wurde. Das hatten sie sich geschworen.
Alexander sah nicht auf, während sie die Häuser und Hütten
passierten. Er wusste, was er sehen würde, wenn er es tat: die
Gnadenlosigkeit der Angreifer. Bei der ersten Ansiedelung, auf die sie
getroffen waren, hatten sie still getrauert oder Flüche ausgesprochen.
Damals war diese Grausamkeit noch neu, unbekannt gewesen. Straßen, die
von Blut gewaschen waren. Frauen, nackt, noch während der
Vergewaltigung enthauptet. Schweine und Ziegen mit aufgeschlitzten Hälsen.
Die Überraschung und das Entsetzen konnten sie von den Gesichtern der
Toten ablesen.
Natürlich, das Morden war auch vor dem Raubzug der Unsterblichen schon
etwas gewesen, das man kannte, das beinahe an die Normalität grenzte.
Sie kannten die Inquisition, hatten Hexer und Hexen in den Flammen um
Gnade schreien sehen, ohne selbst mit der Wimper zu zucken. Sie kannten
die herumstreifenden Banden, die - so, wie jetzt das unsterbliche Heer -
kleinere Dörfer verwüstet hatten, nur um mit Glück die nächsten
Wochen zu überleben. Und sie kannten die Geschichten von den Adeligen,
die noch vor kurzer Zeit in ihren Burgen und Schlössern gesessen waren
und sich einen Dreck um die hungernde Bevölkerung geschert hatten. Die
Adeligen, die nun zitternd in denselben Burgen und Schlössern saßen,
darauf hoffend, dass das Heer nicht ihre Heimstätte als nächstes Ziel
ausersehen hatte. Denn das Heer war gewachsen, zog durch das Land, ließ
einen Trauerzug hinter sich.
Dieses Heer hatte den ungeschriebenen Kodex gebrochen. Ein Krieger tötete,
um zu überleben, oder um andere zu schützen. Im Krieg tötete er, um
sich zu nehmen, was er brauchte - Waffen, Nahrung, Unterkunft -, sei es
von seinen Feinden, oder von Unschuldigen, aber er tötete nicht aus
reiner Lust am Töten. Dieses Heer mordete und verwüstete nur. Es ließ
die Nutztiere zurück und nahm sich auch nichts von der Ernte. Die
Ekstase des Kampfes und das Blut ihrer Gegner schienen ihnen Nahrung
genug zu sein.
"Da lebt noch einer!"
Die Pferde wurden zum Stehen gebracht. Einige Reiter stiegen ab und
gingen - hastig oder zögernd - auf die Gestalt zu, die am Boden lag und
stöhnte. Ihre wenigen Bewegungen schienen mehr vom Wind zu kommen, als
aus eigener Kraft.
Die Frau war halb unter den Trümmern eines zusammengestürzten Hauses
begraben. Während die Männer Steine und Holzlatten entfernten, atmete
sie schneller und stieß vereinzelt Schmerzenslaute aus, wenn ein
besonders schwerer Gegenstand von ihr heruntergehoben wurde. Der Schmutz
auf ihrem Gesicht wies - einem Schneestern gleich - helle Verästelungen
auf, wo die Tränen ihn weggewaschen hatten.
Das Heer hatte sie nicht verschont. Sie war nicht übersehen worden,
kein Versteck konnte Überlebende vor den Augen der Unsterblichen
bewahren. Sie hatten den Steinhaufen zu ihrem Grab gemacht. Ihr Überleben
zeigte keine Gnade, sondern die Lust am Schmerz anderer. Die Gruppe wich
zurück, als sie die Wunden der Frau sahen.
Der geschundene Körper, überzogen mit einer Kruste aus rötlichem
Schlamm, zeigte sich in einer seltsam verdrehten Stellung. Einige
Knochen schienen gebrochen zu sein, und dort, wo ihr linkes Bein sein
sollte, befand sich nur ein nasser Stumpf, aus dem noch immer ein wenig
Blut floss. Das zerrissene Gewand verdeutlichte nur noch das Elend, das
vor den Männern lag.
Seine Abscheu und Übelkeit überwindend, beugte sich einer von ihnen zu
der Frau hinunter. Ihre matten Augen starrten auf einen Punkt in der
Luft, das Stöhnen und Zittern war verklungen. Die Hand des Mannes fuhr
langsam zu ihrem Gesicht, um die Augen der Toten zu schließen. Dann -
ein Keuchen. Ein letzter Funke von Leben erschien auf ihren Zügen. Sie
hob eine Hand und krallte diese in die Schulter ihres Gegenübers. Ein
letztes Aufbäumen, ein Versuch, sich aufzurichten und das Ausmaß der
Verwüstung zu sehen. Oder auch, die Gesichter der Männer zu erblicken,
ihnen Glück zu wünschen - "Rächt die Toten, lasst diese Bastarde
ihre eigenen Qualen spüren.". Doch kein Ton kam über ihre Lippen.
Noch während sich ihre Augen schlossen, sank sie zurück und starb in
den Trümmern.
Sie zogen noch weiter, bis es dämmerte und
errichteten dann ein Lager am Fuß einer kleinen Hügelkette. Es gab
nicht viel zu essen, der Proviant, mit dem sie gereist waren, hatte sich
rasch verringert. Bis sie wieder Beute machten oder ein Dorf fanden,
dessen Vorräte nicht vollkommen dezimiert waren, wurde eisern gespart.
Sie gingen früh schlafen, um nicht an den Hunger zu denken. Ein paar
blieben immer beim Feuer sitzen und hielten Wache, redeten miteinander
oder schwiegen die Nacht an.
"Wir werden bald dort sein, das Dorf heute war noch nicht lange
verlassen..."
Irgendwo kreischte ein Vogel.
"Morgen." Endlich.
"So nah?" Haben wir gegen Unsterbliche denn überhaupt eine
Chance?
"Sie werden Burg Azryn besetzt haben. Dort werden wir kämpfen."
Und sterben. "In der Burg? Wenn sie ihren Schutz haben, werden wir
gewiss verlieren."
"Wenn du jetzt schon so denkst, dann kannst du dir sicher
sein."
Es wurde dunkler. Der Mond verschwand hinter einer Front aus Regenwolken
und das Lager wurde nur noch durch das erlöschende Feuer erhellt.
Einige Holzstücke flogen in die Glut. Den Funken folgten höher
werdende Flammen.
"Unsinn. Wir sind zwar weniger, aber von den vielen Kämpfen müssen
sie erschöpft sein." Sie haben Angst.
"Es wäre klüger, sie erst anzugreifen, wenn sie die Burg
verlassen haben. Wenn sie wirklich dort sind, stehen ihnen alle Möglichkeiten
offen."
"Sie werden Azryn erst verlassen, wenn sie wieder bei Kräften
sind, ausgeruht, während wir noch schwächer sein werden, als jetzt.
Uns bleibt keine Wahl."
Die Moral im Lager war auf einem Tiefpunkt. Es überraschte Alexander
nicht, das Heer war ungleich stärker und der Ruf, der ihm vorauseilte,
alles andere als ermutigend. Vielleicht würden die wenigen, die
Alexander gefolgt waren, um sich dem Unsterblichen zu stellen, auch noch
vor einem Angriff schwach werden und ihr Vorhaben abbrechen. Oder sich
einfach mitten in der Nacht davonmachen, weil sie zu viel Angst bekommen
hatten. Wie auch immer, der morgige Tag würde es entscheiden. Selbst
wenn er vielleicht der einzige sein würde, der einzige dieser Truppe,
Alexander würde sich nicht feige davonmachen. Er würde sich dem
unsterblichen Heer stellen. Er hatte noch eine Rechnung mit ihm offen.
Diese zwei Möglichkeiten gab es für ihn. Entweder ein offener Angriff
mit all seinen Leuten, oder der Versuch, unbemerkt bis zum Zimmer von
Andrey Delany vorzudringen und den Anführer zu töten. Ohne Anführer
waren Krieger selten gut genug, um sich zu organisieren und weiter
mordend durch das Land zu ziehen. Vermutlich würden sie sich schon nach
kürzester Zeit trennen und sich zu Straßenräubern entwickeln. Die
Erfolgschance stand bei beiden Möglichkeiten etwa gleich hoch und, egal
wie es nun werden würde, Alexander würde seine Rache bekommen. Ein
trockenes Lächeln stahl sich auf sein Gesicht.
"Das gefällt mir nicht."
Am Lagerfeuer saß nur noch eine Handvoll Männer. Die meisten hatten
schließlich dem Drängen der Müdigkeit nachgegeben. Das Gemurmel war
von Glint gekommen. Der Hüne saß etwas abseits und starrte in ihre
Richtung. Flammen spiegelten sich in seinen Augen und legten einen
ruhelosen Ausdruck auf sein Gesicht.
"Ohne auch nur eine Idee, wie wir angreifen sollen, ist das ...
Wahnsinn. Wir kämpfen gegen Unsterbliche!"
Während die anderen sich nicht rührten und sich ihren eigenen Gedanken
hingaben, sah Alexander auf und blickte Glint an. Er wusste nicht, ob
sich der Krieger - und das war er mehr als jeder andere im Lager - der
Verzweiflung oder der Tobsucht näher befand. Alexander tippte auf
Zweiteres. Es war nicht gut, wenn einige jetzt schon die Kontrolle über
sich verloren und die anderen ansteckten.
"Meinst du?"
Glint wandte seinen Blick vom Feuer ab und sah Alexander an. Alexander
vermutete, dass keiner dieser Männer, die mit ihm gezogen waren, schon
jemals darüber nachgedacht hatten, was sie taten. Sie wollten einfach
nur kämpfen. Kämpfen, töten und getötet werden.
"Das unsterbliche Heer - das Heer der Unsterblichen. Irgendjemand
hat ihm diesen Namen gegeben, und andere haben Gefallen an ihm gefunden.
Angst bringt die Menschen dazu, das Unbekannte zu überschätzen. Ein
Heer, das nur aus den Unsterblichen besteht. Wer könnte das wohl
schlagen? Vielleicht haben sie ihn auch selbst in Umlauf gesetzt, den
Namen. Damit sie noch mehr gefürchtet werden.
Aber woher kommen sie? Es hat die Unsterblichen doch schon immer
gegeben, und zu jeder Zeit wurden sie gejagt und bei erster Gelegenheit
umgebracht. Warum sind es jetzt so viele geworden, dass sie ein riesiges
Heer aufstellen konnten?"
Er
bekam keine Antwort. Er hatte auch keine erwartet.
"Ich werde dir sagen, wieso. Das unsterbliche Heer ist nicht
unsterblich. Oder wenn es unsterblich wäre, wären wir es genauso. Die
Krieger auf der anderen Seite dieses Berges sind genauso Menschen wie
wir. Einzig ihr Anführer ist unsterblich, und diese Tatsache macht sie
in ihrem Glauben stark. Sie halten sich für unbesiegbar. Für
unsterblich."
Das Misstrauen, das in Glints Augen aufgekeimt war, verschwand und
machte Erkenntnis Platz.
"Dann ... sind das nur Bauern, die sich um Delany geschart haben,
um nicht zu verhungern? Nur ein paar Idioten, die nichts anderes können,
als dem zu folgen, der gerade am stärksten ist?"
"Nein, nicht nur Bauern. Natürlich sind auch einige wirkliche
Krieger dabei, sonst hätte das Heer wohl kaum so viel Unheil verrichten
und zugleich so viele Anhänger bekommen können."
Alexander fühlte, wie sich Zuversicht in der Runde breit machte. Das
war eine Erklärung, auf die alle gehofft hatten, die ihnen Mut machte
und leise einflüsterte, dass ihre Chancen, zu gewinnen, gut standen.
Glints Blick bohrte sich plötzlich in Alexanders'.
"Du weißt sehr viel über die Unsterblichen. Oder den
Unsterblichen, falls es keine anderen mehr geben sollte,", meinte
er forschend. Alexander spürte, dass hinter seinen Worten mehr stand,
als ein leicht dahingeworfenes Kommentar.
"Ich habe nur die einen oder anderen Gerüchte aufgegriffen und
logisch weitergedacht. Was soll das? Vertraust du mir nicht?"
"Warum sollte ich?"
Alexander schwieg. Er kannte den Grund nicht, aber Glint war mit einem
Mal auf Konfrontationskurs. Vielleicht ahnte er auch etwas.
"Wir sollten schlafen gehen. Die Kraft können wir gut gebrauchen,
und ich denke nicht, dass uns jemand angreift. Das Heer hat es nicht nötig,
Spione durch die Gegend zu schicken."
Glint stand auf, machte jedoch keine Anstalten, irgendwohin zu gehen.
"Wenn du es sagst. Du musst es ja wissen."
"Was meinst du damit?", fragte Alexander scharf.
"Genau das, was ich sage. Ich finde es etwas seltsam, dass ein Kind
wie du so viel über jemanden weiß, den noch niemand wirklich gesehen
hat, weil er nach der ersten Begegnung mit ihm tot ist. Außerdem gefällt
es mir nicht, dass du immer die Befehle gibst. Was versteht jemand wie
du schon von Kriegsführung?"
Entweder Glint vermutete wirklich etwas, oder er wollte das Lager selbst
zum morgigen Kampf anführen und hatte zufällig ins Schwarze getroffen.
Alexander ließ sich seine Nervosität nicht anmerken.
"Meine ‚Befehle' sind nur Vorschläge, Glint. Nur sind bisher
noch nie gute Gegenvorschläge gekommen. Aber wenn du eine bessere Idee
hast, was den Angriff betrifft, höre ich sie mir gerne an."
"Oh, du hörst sie dir gerne an,", höhnte Glint. "Was für
eine Ehre, dass ich meine Ideen dem großen Alexander unterbreiten darf.
Weißt du, ich denke, du hast deine Kinderspielchen lange genug geführt.
Es wird ernst, und in einem Kampf sollte uns jemand anführen, der ein
Schwert auch schon in der Hand gehalten hat."
"Und dieser ‚Jemand' willst du sein?"
"Kennst du jemanden, der besser dafür geeignet ist?"
Alexander fielen sogar eine ganze Menge Menschen ein, die weit bessere
Schwertkämpfer als Glint waren. Aber er hütete sich, auch nur einen
von ihnen zu erwähnen.
"Wenn du Anführer wärst, hätten wir es nicht einmal bis hierher
geschafft. Ohne mich seid ihr morgen so tot wie die Dorfbauern."
Das war eindeutig die falsche Antwort gewesen. Doch Alexander hatte
keine Wahl gehabt, Glint hätte seinen Plan - den er sehr wohl hatte -
zunichte gemacht, und das konnte er nicht zulassen.
Glints Gesicht verzog sich zu einer Grimasse. Er schnaubte und zog sein
Schwert. Die Klinge funkelte im Mondlicht.
"Wir wären also tot, wie? Dann zeig mir einmal, wie du uns
morgen angeführt hättest."
Glint riss sein Schwert hoch und stürzte sich auf ihn. Alexander
fluchte. Er rollte sich zur Seite und entging so dem Stoß. Im selben
Atemzug zog auch er sein Schwert.
"Hast du jetzt vollkommen den Verstand verloren?"
Die Antwort bestand aus einem weiteren Angriffsversuch. Wieder verfehlte
er. Glint besaß vielleicht die Kraft von zwei Männern und das
Temperament von einigen weiteren, aber er war schwerfällig, und
Alexander schaffte es leicht, jedem seiner Schläge auszuweichen. Er
durfte Glint nicht töten, sonst würde das gesamte Lager gegen ihn
stehen. Seine einzige Möglichkeit war, Glint zu entwaffnen.
Alexander täuschte einen Angriff von rechts vor, stieß dann jedoch
gerade zu. Glint erkannte die Täuschung. Nach einem kurzen Heben der
Klinge ließ er sie wieder sinken und wich nun seinerseits aus.
Alexander wurde von seinem eigenen Stoß nach vorne geschleudert und
stolperte. Er spürte einen kräftigen Faustschlag auf seinen Rücken
und fiel. Das Sirren von Glints Schwert drang an sein Ohr. Rein aus
Reflex packte er sein Katana fester, um die Klinge abzufangen, und
rollte sich auf den Rücken.
Er war zu langsam.
Alexander schaffte es nicht, den Angriff vollkommen abzuwehren. Die
beiden Klingen stießen mit einem wilden Kreischen aufeinander und
glitten aneinander ab. Ein brennender Schmerz breitete sich in
Alexanders Schulter aus.
Siegessicher zog Glint das Schwert aus der Wunde und machte sich bereit,
den Kampf zu beenden. Er stockte.
Der Schmerz verebbte langsam und machte einer vertrauten Wärme Platz.
Alexander wusste, was die Männer, die um ihn und Glint herumstanden, in
diesem Moment sahen. Damit war es vorbei. Sie würden eine Hexenjagd
beginnen.
Er öffnete seine Augen und sah auf seine Schulter. Von der Wunde, die
vor Sekunden noch stark geblutet hatte, war nur noch eine glatte Stelle
von heller Haut vorhanden. Sie hatte sich geschlossen.
Die Männer hatten sich noch nicht von ihrem Erstaunen
gelöst, als er sich langsam aufrichtete. Glint war der erste, der
wieder reagierte, aber Alexander stand schon.
"So ist das also, Dämon,", zischte der Hüne. Sein Schwert
zeigte auf Alexanders Brust. "Jetzt verstehe ich. Natürlich würde
uns heute kein Spion entdecken, keiner von ihnen uns angreifen. Sie
haben uns schließlich schon entdeckt und ihren Spion direkt ins Lager
geschickt. Die Bauern da drüben-". Er zeigte auf den Hügel. Er
wiederholte verächtlich, was Alexander gesagt hatte. "‚Sie sind
Menschen wie wir'. Und das sagt einer, der zu ihnen gehört. Das sagt
ausgerechnet ein Unsterblicher!"
Glint brüllte.
Nun war es zu spät für alle Erklärungen. Alexander musste weg. Sie würden
alles mögliche und unmögliche mit ihm und seiner Leiche anstellen,
wenn sie ihn in die Finger bekamen. Glint hatte ins Schwarze getroffen,
in ein Wespennest gestochen. In ein verlassenes Wespennest, und die
letzte Wespe musste nun auch fliehen. Er rannte.
Hinter ihm waren die Schreie, die das Lager wachriefen und es zur Jagd
antrieb, die Fackeln, die ihn finden und verbrennen sollten, die
Schwerter, der Hass, Mordlust. Er hatte versagt, doch wenn sie ihn
fingen, hatte er noch mehr versagt.
Vor ihm befand sich der Wald. Dann um ihn und schließlich - es mussten
Jahre vergangen sein - über ihm. Zusammengekauert lag er in einer Mulde
unter einem umgestürzten Baumstumpf. Das Blut rauschte in seinen Ohren
und sein Atem weigerte sich, ruhiger zu werden. Obwohl die Stimmen und
Schritte schon lange vorüber waren, konnte er sie noch immer hören,
wenn nicht in der Realität, dann in Gedanken.
Seine Arme und sein Gesicht waren von der Hetzjagd zerkratzt, sein
Gewand zerrissen. Er versuchte, eine verkrampfte Hand zu öffnen. Sein
Schwert fiel dumpf auf den Boden. Alexander hatte nicht einmal gemerkt,
dass er es noch bei sich trug.
"Ich muss weiter,", flüsterte er zu sich selbst.
"Weiter."
Noch hatte er die Möglichkeit, seinen Plan zur Vollendung zu bringen.
Er konnte alleine in die Burg vordringen und sich Delany stellen. Die Männer
im Lager würden erst bei Sonnenaufgang - wenn überhaupt - angreifen,
bis dahin hatte er noch Zeit.
Stöhnend richtete er sich auf. Es war dunkel und er konnte nur wenig
sehen, aber Alexander vermutete, dass es nicht nur an der Dunkelheit
lag. Ihm schwindelte. Nachdem er ein paar Schritte gegangen war, knickte
er um und fiel wieder. Fluchend zog er sich an einem Baum hoch, lehnte
sich dagegen und zählte langsam bis Zehn. Sein Körper regenerierte
sich, er musste nur Geduld haben.
Danach ging es besser. Er war zwar noch immer geschwächt, aber
zumindest konnte er sich durch den Wald bewegen, ohne aufgrund eines
Schwächeanfalles zusammenzubrechen oder von jemandem entdeckt zu
werden. Bis nach Azryn würde er es schaffen.
Der Kampf und die Verfolgung hatten ihm mehr abverlangt, als er erwartet
hatte. Er dürfte nicht so schwach sein. War er überhaupt in der Lage,
gegen Delany zu kämpfen? Vielleicht würde er aber auch von seinen Häschern
gefangen werden, aus reiner Unachtsamkeit.
Nein, das durfte nicht sein. Er musste es schaffen, musste!
Es dämmerte noch nicht, als Alexander den Wald verlassen hatte und die
Burg sich über ihm erhob. Um sie herum waren Zelte aufgestellt, die das
unsterbliche Heer beherbergten. Fackeln erleuchteten die Nacht und dort
unten musste wohl noch immer reges Treiben herrschen. Worauf bereiteten
sie sich vor? Es konnte nicht der Angriff sein, den er geplant hatte.
Die Armee, die vor ihm lag, hätte ihn nicht einmal gespürt, so groß
schien sie Alexander.
All das konnte ihm nur helfen. In diesem Gewirr aus Zelten und Kochplätzen
würde er sich leicht verstecken können. Oder aber er mischte sich
einfach unter sie, unter die Bauern und die Krieger. Es war fast zu
leicht. Azryn würde stärker bewacht sein.
Wie er es sich ausgemalt hatte, wurde er eins mit den Menschen im Lager
des unsterblichen Heeres. Sie bemerkten ihn nicht einmal. Er war einer
von ihnen. An einer Kochstelle nahm er sich etwas von der verdünnten
Suppe, die nach Ratten und dreckigem Flusswasser schmeckte. Unauffällig
näherte er sich dabei immer weiter der Burg, bis er das Eingangstor
sehen konnte.
"Es scheint, dass heute mein Glückstag ist,", kicherte er.
Von dem Mann, der am Lagerfeuer an seinem Plan festgehalten und versucht
hatte, seinen Leuten zu erklären, dass es nichts nutze, in Panik oder
Verzweiflung auszubrechen, war nur noch wenig übrig. Die Nähe zu
Seinesgleichen hatte das Blut in ihm unruhig gemacht. In seinen Augen
glomm ein Funke von Wahnsinn.
Zu einfach, es war zu einfach. Die Wachen schliefen, und er konnte
unbemerkt ins Innere der Burg eindringen. In den Schatten umging er die
Posten. Burghof, erster Stock, zweiter Stock. Auf dem Weg in den dritten
kam ihm eine der Wachen entgegen. Er tötete sie, nicht ohne den Mann
nach dem Zimmer von Andrey Delany gefragt zu haben. Sein süffisantes Lächeln
verstärkte sich. Er war seiner Rache so nahe wie nie.
Seine Hand zitterte, presste sich an den Schwertgriff. Weiße Knöchel
traten hervor. Das Schwert sang. Alexander öffnete die Tür zu der
Kammer, in der der Unsterbliche schlief.
Sie war leer.
"Nein!", stieß er aus.
Er fuhr in das Zimmer und sah sich gehetzt um. Es war bewohnt, aber sein
Meister befand sich nicht darin. Alexander schlug sein Schwert in einen
Bettpfosten. Mit einem Krachen brach die Konstruktion zusammen.
"Sucht Ihr mich?"
Die Stimme kam von der Tür. Er hatte sie noch nie gehört, aber in ihr
befand sich etwas vertrautes. Sein Blut fühlte die Zusammengehörigkeit.
"Delany,", zischte die Stimme, die einst zu Alexander gehört
hatte. Er drehte sich langsam um, genoss den Augenblick, da er seinem
verschworenen Feind gegenüber stand.
"Delany." Diesmal sprach er lauter. Der Mann in der Tür hob
eine Augenbraue.
"Darf ich das als ‚Ja' auffassen?"Alexander betrachtete
Delany von oben bis unten.
"Verspotte mich nur, Unsterblicher." Sein Stimme wurde plötzlich
sanft, wie die eines Kindes. "Du bist genau so, wie ich es mir
vorgestellt habe. Der große Andrey Delany, der Anführer des
unsterblichen Heeres, das nicht unsterblich ist, der Unsterbliche
selbst. Schwarz wie die Nacht, eine Krähe in der Dunkelheit. Aber alt,
unendlich alt. Wer will schon ewig leben?"
Der Unsterbliche reagierte nicht, sondern sah ihn nur stirnrunzelnd an.
Alexander hob sein Schwert, ließ es dann wieder sinken. Es war so
schwer.
"Du willst mich töten?", fragte der Unsterbliche. Er wirkte
nicht überrascht. Alexanders Lächeln verbreiterte sich. "Warum
sollte ein verrückter Narr das wollen?"
"Ein verrückter Narr. Bin ich das für dich. Aber ein verrückter
Narr, der sich in deinem Blut baden wird, wie in der Quelle, zu der ich
immer mit Mutter ging. Sie war so schön-"
Alexander brach ab. Der wahnsinnig Ausdruck verschwand aus seinem
Gesicht und machte der Klarheit Platz. Seine Stimmte klang nüchtern.
"So lass uns kämpfen, Delany."
Ohne Abzuwarten sprang er auf den Unsterblichen zu. Dieser kam ebenfalls
näher, und wenn es nur war, um sein Schwert ziehen und den Angriff
abblocken zu können. Es fiel ihm nicht schwer, dennoch hob er
anerkennend eine Augenbraue.
"Wer immer dir beigebracht hat, das Schwert zu führen, er war gut.
Aber nicht gut genug,", fügte er nach einer kurzen Pause hinzu und
griff seinerseits an.
Alexander wich mühsam aus und wehrte auch den nächsten Hieb ab. Aus
seiner Verteidigung kam er jedoch nicht mehr heraus, der Unsterbliche
deckte ihn ständig mit Angriffen ein.
Er würde nicht verlieren, nein, er durfte es nicht. Er war hierher
gekommen, um Delany zu töten. Er wollte Rache - nein, Gerechtigkeit,
Vergeltung. Wut flammte in ihm auf, und er brach aus seiner Deckung
hervor. Alexander richtete seine gesamte Kraft auf den Schlag, zielte
auf den Hals seines Gegenübers und hieb zu. Als die Klinge auf ihre
Ziel traf, keuchte er vor Schmerz.
Noch während er auf den Boden schlug, löste seine Hände von dem Griff
seines Schwertes. Delany hatte den Angriff abgefangen. Alexander fühlte,
dass seine Hände gebrochen, oder zumindest verstaucht waren.
Unbrauchbar. Mit geschlossenen Augen machte er sich auf den Tod gefasst.
Er kam nicht.
Als er es wagte, aufzusehen, stand der Unsterbliche vor ihm. Sein
Gesicht zeigte keine Gefühle. Seine Gestalt strahlte jedoch eine Überlegenheit
aus, die nur dieser eine besitzen durfte.
"Bevor ich dich töte, sag mir, wer dich schickt."
"Wie kommst du darauf, dass ich nicht von selbst gekommen bin,
Delany?"
Er hatte verloren. Verdammt, er hatte verloren.
"Nun gut, dann spielen wir eben dein kleines Spielchen. Ich nehme
an, mein Heer hat irgendjemanden, der dir sehr, sehr nahe gestanden ist,
gnadenlos ermordet, und du willst dich dafür natürlich rächen."
War das ... Langweile in seiner Stimme?
"Verspotte mich nicht, Vater. Töte mich, aber lass mir noch diese
letzte Würde."
Der Unsterbliche sah ihn immer noch mit seinem gleichgültigen Blick an.
"Vater? Das ist unmöglich, du bist kein Unsterblicher. Ich würde
es spüren."
Wut stieg in Alexander auf. "Ach, würdest du? Wie kommt es dann,
dass die Wunden, die du mir zugefügt hast, so schnell heilen? Du hast
mir das angetan."
Tatsächlich waren die kleinen Schnittwunden schon verschwunden. Delany
sah ihn interessiert an. "Wer -, was bist du?"
"Dein Sohn, Vater." Alexander spie das Wort aus. "Den du
in irgendeinem Dorf hervorgehurt hast, der dein Blut in sich trägt,
wenn auch nur zu Hälfte."
Ein halber Unsterblicher. Oder ein halber Sterblicher. Alexander wehrte
sich gegen den Wahnsinn, der wieder versuchte, sich seiner zu bemächtigen.
"Und deshalb willst du mich töten? Du solltest glücklich sein.
Wie lange wirst du leben, als halber Unsterblicher? 200 Jahre
mindestens, wahrscheinlich sogar länger. Was für eine Krankheit kann
dir schaden? Fast alle deiner Wunden verheilen sofort, wenn auch nicht
so schnell wie bei uns Unsterblichen."
"Aber wer bin ich? Ich bin kein Mensch, und auch kein
Unsterblicher. Wie soll ich mich jemals zugehörig fühlen, wenn ich es
nicht bin? Du hast mich zu einem Leben verdammt, das schlimmer als die Hölle
ist. Schlimmer als der Tod."
Er sah die Bilder wieder. Während seine Freunde älter wurden, immer älter,
blieb er ein Jüngling, an der Schwelle zum Mann. Er war mehr als
doppelt so alt, aber wer nahm ihn ernst? Langsamer altern - wo hatte man
es nicht bemerkt, wo hatte man ihn nicht fortgejagt? Der Unsterbliche
konnte ihn nicht verstehen.
Als er seine Hand rieb, fühlte er etwas Hartes, Kühles. Sein Dolch.
Alexander hob seinen Kopf und sah dem Unsterblichen in die Augen. Sie
waren alt, grau, verbraucht. Er würde noch Jahrhunderte, Jahrtausende
leben, und er sah jetzt schon so müde aus. Was war daran
erstrebenswert? Er drängte den Wahnsinn nicht mehr zurück.
Als der Dolch aus dem Ärmel fuhr, schloss Alexander die Augen. Die
Klinge erreichte den Unsterblichen nicht mehr.
Kurz bevor er starb, danke Alexander Delany seinem Vater für seine Erlösung. |