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Der Weg des Drachen
Das helle Licht des Tages wurde schon nach
wenigen Metern vom Dunkel der Höhle verdrängt. Es schien, als hätte
es Angst, weiter einzudringen, um die bösen Geister nicht in Wut zu
versetzen. Dennoch konnte man sehen, denn die Wände waren von grünen,
sanft schimmernden Pflanzen bewachsen, welche den Weg in das Innerste
erhellten.
Dieser Weg war schon lange nicht mehr von Sterblichen begangen worden,
doch nun, an diesem kühlen Herbsttag, wagte sich wieder ein Mensch ins
Heiligtum vor. Es war ein Mädchen.
Ihre Haltung und ihr Gang ließen von hoher Herkunft schließen, ebenso
ihr Kleid - dunkelblauer Samt, reich verziert mit goldenen Stickereien.
Sie hatte lange, glatte, nachtschwarze Haare und große, dunkle Augen.
Nur zaghaft setzte sie einen Schritt vor den anderen, denn sie war
allein, niemand war da, der sie vor Bösem schützen konnte, sollte es
hier welches geben. Sie hatte all die strahlenden Ritter hinter sich
gelassen, das Schloss und ihre unzähligen Mägde. Und ohne diese war
sie nichts mehr, bis auf ein Menschenmädchen.
War da nicht ein Geräusch gewesen? Sie zuckte zusammen und blieb starr
stehen. Furchtsam blickte sie sich um. Nichts. Sie musste es sich
eingebildet haben.
Schließlich - es musste eine Ewigkeit vergangen sein - erreichte sie
das Innerste des Berges. Es war eine riesige Halle, erfüllt von einer
unhörbaren, doch fühlbaren Musik, deren Schönheit und Glanz sich
nicht beschreiben ließ. Die Musik der Unendlichkeit, dachte das Mädchen,
und lauschte.
Am Ende der Halle lag ein riesiger Steinklotz, einem Altar gleich.
Und auf diesem Altar thronte er, der Drache. Er schien zu schlafen,
seine Augen waren geschlossen und er bewegte sich auch nicht. Das Mädchen
erzitterte vor des Drachens Erhabenheit. Doch ging sie dennoch weiter -
ihre Furcht bewältigend - auf den Drachen zu. Sein schwarz geschuppter
Leib glänzte und widerspiegelte dunkelgrüne Reflexionen.
Als sie bis auf wenige Meter herangekommen war, öffnete er eines seiner
Augen und betrachtete sie. Wenig später schüttelte er sich und
richtete er sich in seiner vollen Größe auf.
"Ein Menschenmädchen? Viel Zeit ist vergangen, seit jemand es
wagte, meine Ruhe zu stören,", brummte er, wie zu sich selbst.
Dann etwas lauter: "Was wünscht Ihr von mir, Fürstentochter?"
Das Mädchen war starr vor Schreck. Es wusste nicht, was es erwartet
hatte, doch auch wenn es mit dem Unglaublichen gerechnet hätte, wäre
es dennoch erschrocken, denn kein Sterblicher erträgt den Anblick eines
Unsterblichen, ohne dass seine Seele unberührt bleibt.
Der Drache beobachtete sie belustigt. Er konnte ihre Furcht fühlen,
dennoch war ihr Mut größer als der einiger tapferer Ritter, die einst
versuchten, ihn zu vernichten.
"Mein Lord, verehrter Drache... oft hörte ich Legenden über Euer
edles Geschlecht. Nun sehe ich Euch und denke, nie konnte man das Wesen
eines Drachen in Worte kleiden."
"Was habt Ihr erwartet, Kind? Ich lebe ewig und in mir vereine ich
das Wissen und die Macht von Generationen. Doch warum kamt Ihr zu
mir?"
"Man erzählte mir, dass Ihr die... Stärke habt, die Welt aus
ihren Angeln zu heben. Dass Ihr nur mit einem Gedanken ganze Völker
auslöschen könnt und dass allein Euer Wille die Zeit - Vergangenheit,
Gegenwart und Zukunft - verändern kann."
Der Drache musste lächeln. Die Menschen neigten zu Übertreibungen. Sie
fürchteten sich vor dem Unbekannten und machten es durch ihre Angst nur
noch stärker. Nein, diese hatten keine große Hoffnung, in dieser Welt
zu überleben.
"Wie so oft, sind Legenden nur Erfindungen des verwirrten Geistes,
in denen nur ein Fünkchen Wahrheit liegt. Denkt Ihr, wenn ich diese
Macht besäße, würde ich noch hier sitzen? Würdet Ihr dann noch
leben, wenn ich euch wie lästige Insekten einfach aus den Erinnerungen
der Welt löschen könnte?" Der Drache erwartete keine Antwort,
sondern fuhr gleich fort. "Doch ist es wahr: Ich besitze großes
Wissen, was manche oft und gerne als Macht bezeichnen... Ihr besitzt
also das Wissen um meine Macht, hm? Und was erhofft Ihr Euch
daraus?"
"Um ehrlich zu sein, Edler, kam ich, um Euch um etwas zu
bitten."
Der Drache blickte erstaunt auf. Schon viele betraten seine Höhle -
Ritter, ihn zu vernichten, Magier, ihn zu bändigen, doch auch Freunde,
wie Einhörner oder Harpyien. Auch sie, die Guten wie die Bösen, waren
mit der Zeit verschwunden und hätte er die Fähigkeit, die Zeit zu verändern,
wie dieses Kind meinte, so hätte er sie zurückgeholt. Und doch war es
gut, so wie es war.
"Es muss Euch viel an diesem einen Wunsch liegen, wenn Ihr zu mir
kommt, wo ich Euch mit einem Atemzug töten könnte. Noch nie hat mich
jemand um die Erfüllung eines Wunsches gebeten..."
"Noch nie haben die Menschen ihren Glauben an Drachen verloren, und
dennoch tun sie es nun. Dies ist eine Zeit der Veränderung. Auch mein
Wunsch erstrebt die Veränderung."
"Was ist also Euer Begehren?" fragte der Drache, langsam
ungeduldig werdend.
"Ich will frei sein."
Der Drache legte seinen Kopf schräg und überdachte die Worte des Mädchens.
Als er sprach, klang es schleppend.
"Frei sein? Freiheit? Wisst Ihr denn, was dieses Wort bedeutet,
Menschenmädchen?"
"Ich weiß, was es nicht bedeutet, habe es am eigenen Leib gespürt.
Und ich weiß, dass ich derartiges nie wieder spüren will."
"Ich sehe in Euer Herz, doch sehe ich darin die selbe Freiheit wie
in Herzen anderer Menschen. Glaubt mir, wenn ich Euch sage, dass Ihr von
vielen die seid, die vielleicht noch am ehesten frei ist."
"Wie kann ich frei sein, wenn ich Tag für Tag in einem engen Raum
eingesperrt bin, als Vorführobjekt mich dem Willen meines Herren,
meines Vaters biegen muss,", erboste sich das Mädchen. "Tue
ich es nicht, werde ich bestraft. Wie viele meiner Mägde wurden schon
zu Tode geprügelt, ein Schicksal, das mich ebenso ereilen könnte. Wie
könnt Ihr dies Freiheit nennen, Edler?"
Seufzend schüttelte der Drache den Kopf. Sie wollte es nicht verstehen.
"Gut, wenn ich Euch nun diesem Wunsch gewähren sollte, wie soll
ich ihn gewähren?"
Ein Schimmer von Hoffnung und Freude trat in die Augen des Mädchens.
"Befreit mich aus diesem Leben, oh Edler! Schenkt mir ein neues,
oder verändert meine Gestalt, dass die Häscher meines Kerkermeisters
mich nicht finden. Darum bitte ich Euch."
"Ein neues Leben? Ein neues, freieres Leben? Wie stellt Ihr Euch
das vor, Menschenkind? Wollt Ihr ein Leben als Magd, als Bauersfrau führen?
Eure Freiheit wird darin liegen, jeden Tag zu arbeiten, dennoch zu
hungern und eine schlechte Behandlung von Eurem Mann zu bekommen."
Er sah sie strafend an. Mit spottender Stimme fuhr er fort. "Oder
wollt Ihr eine Prinzessin sein, eine Königin gar? Euer Leben wäre so
frei wie das Leben, das Ihr jetzt führt."
"Dann verwandelt mich, Edler. Denn ich bin diesen Körper leid,
seine Gestalt. Macht mich zu einem Adler, der frei am Himmel schwebt,
als der König der Lüfte. Oder auch nur ein Reh, dessen Glück darin
besteht, dorthin gehen zu können, wohin es gehen will. Verfügt über
mich, Edler, ich bitte Euch."
"Ihr denkt, die Tiere sind gnädiger beschenkt als Ihr? Wie irrt
Ihr Euch doch! Der Adler ist auf sein Nest angewiesen, denn scheut er
die Ruhe, wird er vom Himmel fallen wie ein Stein. Und wie könnt Ihr
das Reh frei nennen, wird es doch von Euren eigenen Leuten gejagt, bis
zum bitteren Ende. Überlebt es dennoch, wird seine Freiheit spätestens
in unfruchtbaren Gebieten enden.
Nein, denkt nicht, dass ich Euch nicht verstehe. Ich sah vieles, doch
noch nie habe ich Freiheit erblickt."
"Ihr lügt! Was ist mit Euch selbst? Wenn ihr Drachen nicht frei
seid, wer dann?"
"Wir Drachen sind die Unfreiesten von allen,", rief der
Drache. "Denn in unseren Herzen liegt der Ruf des Goldes. Wir hören
seinen Gesang, wie es uns zuflüstert, in unseren Träumen wispert.
Unsere Begierde gehört ihm, und so bindet es uns. Nein, wahrlich, wir
sind nicht frei."
Enttäuscht ließ das Mädchen den Kopf sinken und starrte auf den
Boden. War das Leuchten, das die Höhle erfüllte, wirklich das Leuchten
von Pflanzen, oder war es der helle Glanz von des Drachen größtem
Wunsch? So erkannte die Fürstentochter in dieser weiten Halle, dass
selbst die Weistesten nicht ohne Wünsche sind.
"Seht, Menschenmädchen, ich habe nur eine Freiheit kennen gelernt,
doch diese ist nicht erstrebenswert, sie ist keine wirkliche
Freiheit."
"Sprecht weiter, Edler,", warf das Mädchen ein, erfüllt von
neuer Hoffnung.
"Wie Ihr wünscht, dennoch tue ich es nicht gerne. Freiheit - es
bedeutet, keine Sorgen zu haben, ungebunden zu sein und mehr. Ihr wollt
von Euren Sorgen befreit werden, und von vielen Herzen fiel alle Sorge
ab, in dem Moment, als sie starben."
"Der Tod?" fragte das Mädchen angstvoll. "Nein, den Tod
wünsche ich mir nicht. Vor ihm habe ich die größte Angst."
"So sei es, denn es ist gut so. Es tut mir leid, dass ich Euch
nicht helfen konnte."
"Quält Euch nicht, Edler, es half mir dennoch, denn ich redete darüber.
Es schmerzt mich nur, dass ich nun wieder zu meines Vaters Schloss zurückgehen
muss. Und der Gedanke, dass es eine Zeit gab, da ich es gerne tat."
"Wenn Ihr es wünscht, kann ich Euch trotz allem in ein anderes
Wesen verwandeln. Ihr würdet nicht die Freiheit besitzen, um die ihr
gebeten habt, doch vielleicht wärt Ihr glücklicher."
Sie blickte zu dem Drachen auf, wie er stolz auf dem Altar saß und sah
in seine Augen. Sie waren silbern, glänzend und in ihnen lag die
Weisheit von alten Legenden.
"Sagt, Edler, wie stark ist der Ruf des Goldes?"
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