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Der König des Winters
"Es wird ein kalter Winter,",
sagte der alte Yarrow.
Er starrte mit altersschwachen Augen auf die Runen, die über die
Steinplatte verteilt waren. Ich studierte das Muster. Es stimmt, ich bin
kein Gelehrter, aber ich habe mehr als ein flüchtiges Interesse an den
erlernten Künsten. Obwohl Bücher hier in den nördlichsten Hinterländern
des Königreichs seltener als ehrliche Männer sind, habe ich - durch Glück
und eine nette Summe Gold - die Jahre hindurch mehr als ein Dutzend alte
Handschriften über eine Vielfalt von Themen erlangt, von Geschichte über
Philosophie zu Rhetorik. Ein Soldat tut gut daran, seinen Verstand
scharf zu halten, nicht nur sein Schwert.
"Wie kalt, Yarrow?", fragte ich. Ich zog meinen Mantel enger
um meine Schultern. Draußen schien die Welt unter einem
bernsteinfarbenen Lack aus Herbstsonnenlicht, aber die Luft, die durch
das enge Fenster der Kammer kam, bildete einen scharfen Gegensatz dazu.
"Fünf Monate lang Schnee und sieben Monate lang Frost,",
sagte der alte Mann mit seiner rauen Stimme. "Eine Kälte von der
Art, die jahrelang nicht gekannt ward, wird das Land ergreifen. Uralte Bäume,
die Herren des Waldes, werden in ihrem Griff splittern."
"Und der Fluss?"
Das pockennarbige Gesicht des Runensprechers wurde hart. "Der
Dimduorn wird gefrieren. Davon sprechen die Runen deutlich. Am Ende des
Tages wird der Fluss wie Stein stillstehen."
Ich hob eine der Knochenrunen auf. In all meinen Jahren als Befehlshaber
der Tarrasischen Garnison in Theysa hatte sich Yarrows Runensprache nie
als falsch erwiesen. Es stimmt, es war ein barbarisches Handwerk, und
ohne Zweifel jenseits der hohen Künste des Omens, die in den Tempeln
von Tarras angewendet wurden. Aber das Runenhandwerk war in Malachor vor
seinem Untergang praktiziert worden. Wenn Runen für die großen Herren
dieses Königreichs gut genug gewesen waren, so waren sie sicherlich gut
genug für meine Wünsche.
"Sie werden ihn überqueren, Dor Calavus,", sagte Yarrow,
seine Stimme zitterte jetzt. "Die Thanadain - sie werden sicherlich
den Dimduorn überqueren, wenn er gefriert."
"Ich weiß, Yarrow." Ich legte die Rune nieder. "Die
Barbaren werden kommen."
Ich drehte mich von dem alten Mann weg und überquerte den Steinraum,
der die Befehlshabern dieser Garnison Jahrhunderte lang untergebracht
hatte. Auf einem Tisch lagen verstreute Zetteln. Ich hob das oberste Bündel
auf, die Nachricht darauf halb vollendet. Eine Sendschreiben - mein Fünftes
für Tarras in diesem Jahr. Aber dennoch, es war nicht das erste Mal,
dass Yarrows Runen Schwierigkeiten vorhergesagt hatten.
In diesem Frühling, beim Jorusfest, hatten die Runen von kommender
Aufruhr gesprochen. Obwohl diese in dem Punkt namenlos gewesen waren,
hatte ich Yarrows Warnung beachtet und einen Brief an Tarras verfasst.
Nur war es jetzt Herbst, und nach drei weiteren Sendschreiben an die
Hauptstadt des Königreiches war keine Hilfe gekommen. All meine Bitten
um Verstärkung waren unbeantwortet geblieben.
Aber warum? Ich wusste es nicht. Vielleicht hatte keiner meiner Reiter
den ganzen Weg südlich nach Tarras durchgehalten. Schließlich war
jahrzehntelang niemand von Theysa dorthin gereist. Nicht einmal ich. Und
nun spielte es auch keine Rolle mehr. Ich legte das Blatt nieder. Es war
zu spät, um um Hilfe zu rufen.
Ein Schlurfen hinter mir. "Wenn die Thanadain den Fluss überqueren,
können wir sie nicht aufhalten, Dor Calavus."
"Wir haben sie jahrelang bei der Brücke gehalten, Yarrow."
Ich musste nicht sehen, um zu wissen, dass er seinen Kopf schüttelte.
"Bei der Brücke können sie nur zu zehnt Seite an Seite kämpfen,
und die Zweige, die sie als Pfeile verwenden, können sich Schildern aus
gutem, Tarrasischen Eisen nichts anhaben. Aber wenn der Dimduorn
gefriert, werden nicht zehn Seite an Seite zu uns kommen, sondern
tausend - nein, fünftausend, ihr Fleisch weiß wie der Schnee, und
nackt, als wenn sie den Biss der Kälte nicht spüren würden, Schwerter
so bleich wie Frost führend."
Ich drehte mich zu dem knochendürren Mann. "Sag mir nicht, dass du
all das in deinen Runen gesehen hast."
Yarrow zitterte in seiner grauen Robe, obwohl ich nicht sagen konnte, ob
es von der Angst oder vom Alter war. "Ich brauche keine Runen, die
mir das sagen. Für alle ist es deutlich zu sehen. Tarras wird nicht
kommen. Der Herrscher hat uns vergessen."
"Das ist nicht so!" Meine Stimme war wütender, als ich es
beabsichtigt hatte - vielleicht weil Yarrows Worte meine eigenen Ängste
widerspiegelten.
Stille erfüllte den Raum, dann außerhalb des Fensters das ferne Trällern
eines der letzten Thrusse, der zur schwindenden Sonne sang.
"Da ist... da ist ein anderer, der uns helfen kann, Dor Calavus."
Der Ruf des Thrusses verstummte. Meine Augen wurden schmäler.
"Wer?", sagte ich. Wie auch immer, ich wusste, was er sagen würde,
bevor er die Worte von sich gab. Ich hatte die Geschichten gehört, die
in dem Dorf unter der Garnison geflüstert wurden.
"Die Hexe des Tals."
Ich grunzte. "Es gibt keine Hexe im Tal, Yarrow. Selbst wenn da
eine wäre, wir brauchen tausend Soldaten, die uns unterstützen, keine
verrückte Hexe. Wir werden einen Weg finden, auf uns alleine gestellt
zu kämpfen."
Yarrows knubbelige Schultern sanken zusammen. "Aber du kannst Eis
nicht bekämpfen, Dor Calavus. Auch die Mächtigsten der Steine müssen
unter seinem Einfluss brechen." Er deutete zu der Runenplatte.
"Der Winter ist in dieser Angelegenheit gegen uns. Ohne Hilfe können
wir nicht gewinnen."
Außerhalb des Fensters verschwand die Sonne. Blaue Schatten stahlen
sich in die Kammer, so trüb wie dichtes Eis. Ich starrte auf die Runen
und zitterte.
***
Drei Tage später, gleich nach einer kalten, roten Morgendämmerung,
brach ich zu Pferd von der Garnison auf, um die Hexe zu finden.
Natürlich war es Dummheit. Ohne Zweifel würde Vathris Stiertöter,
dessen Mysterien ich, wenn die Zeit es erlaubte, folgte, das, was ich
tat, missbilligen. Er war der Gott der Krieger, ein Liebhaber von Blut
und Kampf, und er kümmerte sich nicht viel um Tricks oder Magie.
Ich schnaubte im Einklang mit meinem Pferd und unser Atem bildete weiße
Wolken in der Luft. Vielleicht war das mein Problem. Vielleicht musste
ich weniger Gelehrter und mehr Krieger sein. Ich ließ eine
behandschuhte Hand zu dem meiner Hüfte gleiten, sein Griff glänzend
durch die Hände und den Schweiß von drei Generationen. Mein Schnauben
wurde zu einem Seufzen.
Die Jahre hindurch hatte ich mir oft gewünscht, die Größe meines
Vaters oder seines Vaters Masse und Muskeln zu besitzen. Stattdessen war
ich zierlich wie meine Mutter gewesen war, mit ihren kleinen, schmalen Händen.
Wenn ich in den glänzenden Silberspiegel in meiner Kammer starrte,
waren es ihre dunklen Augen, die auf mich zurückstarrten, nicht seine.
Wie auch immer, es war sein Schwert, das ich um meine Hüfte trug. Von
ihm war der Umhang des Befehlshabers auf meine Schultern übergegangen,
und ich hatte keine andere Wahl, als ihn zu tragen. Nicht dass es so
war, wie es hätte sein sollen - die Befehlsgewalt über die Garnison
war nicht dazu bestimmt, eine erbliche Position zu sein. Aber wir taten
das Beste, was wir konnten, wenn man bedachte, dass beinahe ein halbes
Jahrhundert lang keine Hilfe von Tarras gekommen war.
Als ich den Fuß des Hügels der Garnison erreicht hatte, drehte ich
mich nach Westen, der trüben Öffnung eines Tals entgegen, von dem ich
jetzt nur zwischen zwei entfernten Hügeln einen Blick erhaschen konnte.
Etwas sagte mir, dass der Herrscher das, was ich tat, genauso wenig schätzen
würde, wie Vathris. Aber beide, Herrscher und Gott, schienen die kalten
Länder des Nordens vergessen zu haben. Stattdessen dösten sie in der
gewürzdurchtränkten Luft entlang den Ufern des Sommermeeres. Und ich
hatte eine Armee von zehntausend hungrigen Barbaren, die ich davon
abhalten musste, das Eis zu überqueren.
Es war fast Mitmorgen, als sich ein Hügel vor mir erhob, der in einem
perfekten Kreis aus der vertrockneten Landschaft aufstieg. Ich brachte
mein Pferd zum Stehen, stieg dann am Fuß des Hügels ab.
Ich konnte mich noch immer klar an den Tag erinnern, als meine Mutter
mich an diesen Ort gebracht hatte, obwohl ich nicht älter als sieben
Winter gewesen sein konnte. Sie hatte mit einer sanften Stimme von denen
gesprochen, die hier während dem Krieg der Steine gegen die Häscher
des Fahlen Königs gekämpft hatten. Alle, die gefallen waren, waren an
diesem Ort begraben worden. Auf den großen Hügel hinaufstarrend,
damals wie heute, konnte ich mir die Zahl jener, die umgekommen waren,
nicht vorstellen. War der Sieg so viele Leben wert?
Aber hätte der Fahle König gewonnen - und all den Geschichten nach
hatte er beinahe gewonnen - wäre Falengart für immer von Eis und
Schatten eingenommen worden. Und wenn die Thanadain den Dimduorn überquerten?
Vielleicht würde es nicht so schrecklich wie die Herrschaft des Fahlen
Königs sein, aber es würde genauso das Ende unserer Welt - der
Tarrasischen Welt - ankündigen.
Der Wind zischte durch totes Gras. Darüber durchschnitten dünne Wolken
den farblosen Himmel wie bleiche Messer. Für einen weiteren Augenblick
starrte ich auf den Hügel, an die Geschichten denkend, die meine Mutter
mir erzählt hatte - Geschichten über den Fahlen König und die Alten Götter
und das Kleine Volk. Und über Hexen. Als Kind hatte ich sie alle
geglaubt. Und jetzt?
Nun, der Fahle König war echt - der Hügel bewies das. Und was den Rest
betraf, ich nahm an, dass ich es herausfinden würde. Ich drehte mich
wieder zu dem Hügel-
-und hielt an. Ich fand es seltsam, dass mein Pferd nicht aufgestampft
oder geschnaubt hatte. Stattdessen steckte das Biest ruhig seine Nase in
das verdorrte Gras, nach einem noch zarten Spross suchend. Eine
gelenkige Gestalt bewegte sich vorbei, gekleidet mit einen Mantel von
der Farbe des späten Herbstlandes, hob dann die schlanken Hände und
warf die Kapuze des Mantels zurück.
Ein Keuchen entkam meinen Lippen. Sogar bevor ich ihr Gesicht wahrnehmen
konnte - hohe Wangenknochen, strahlende Smaragdaugen, weiche, von Sonne
und Wind goldbraune Haut - wusste ich, wer sie sein musste. Sie war
keine alte Hexe, nicht diese.
"Wie?", murmelte ich. "Wie habt Ihr gewusst, dass ich
Euch gesucht habe?"
Es schien, als ob sie zu mir flüsterte, obwohl ihre Lippen sich nicht
bewegten.
Bin ich keine Hexe, Calavus von Tarras?
In diesem Augenblick war die Luft um mich so warm und golden wie im Frühling.
Dann verblassten die Worte in meinen Gedanken, und die graue Kälte
schloss sich wieder um mich. Ich blinzelte. Hatte ich mir die Stimme
eingebildet?
Sie lachte, weiße Zähne zeigend. Ihr Haar hatte die Farbe von Weizen.
"Euch ist kalt,", sagte sie. "Kommt."
Die Hexe führte mich zu einer Senke auf der anderen Seite des Hügels.
Ein Lagerfeuer brannte. Warum hatte ich den Rauch nicht früher gesehen?
Ich wusste es nicht, aber als sie mir bedeutete, mich hinzusetzen, tat
ich es, und ich war für die Wärme dankbar.
Sie nahm einen Topf von den Kohlen und füllte zwei Tonschalen mit einer
dunklen, dampfenden Flüssigkeit. Es war kein Hexengebräu, doch
stattdessen gutes, köstliches Maddok. Ich trank und fühlte, wie
mich ein Kribbeln durchzog. Maddok war ein Barbarengetränk, und
ich wusste, dass es von den höheren Klassen von Tarras missbilligt
wurde, aber es war eine fremde Sitte, die ich bereitwillig akzeptiert
hatte. Wie die Fähigkeit, die Garnison zu befehligen, verschwunden wäre,
hätte ich nicht meine morgendliche Tasse von dem Zeug.
Erst als ich die Schale niederlegte, bemerkte ich, dass sie mich
anstarrte. Ich bewegte mich unruhig unter ihrem Blick, aber das war
Dummheit. Maddok-Trinker oder nicht, ich war Tarraser und ein
Mann von Logik. Ich würde nicht glauben, dass sie Magie besaß.
Warum seid Ihr dann gekommen, mich zu suchen, Dor Calavus?
Ich ließ den Becher fallen, als die Stimme - ihre Stimme - wieder in
meinen Gedanken flüsterte. So viel also zur vertrauenswürdigen
Tarrasischen Logik.
"Ihr kennt meinen Namen," sagte ich mit enger Kehle.
"Eure Mutter ist einmal zu mir gekommen. Ich gab ihr einige Kräuter,
um ihrem Bauch beim Wachsen zu helfen. Neun Monate später wart Ihr
geboren."
Ich sah sie finster an. "Aber Ihr konntet meine Mutter nicht
treffen, bevor ich geboren wurde. Ich bin dreiunddreißig Winter alt.
Und Eurem Aussehen nach zu urteilen habt Ihr weniger Jahre als
ich."
Wieder lachte sie. "Tue ich das, Calavus?"
Ich öffnete meinen Mund, stoppte dann. Etwas sagte mir, dass ich die
Antwort auf diese Frage nicht wissen wollte.
"Warum seid Ihr zu mir gekommen, Calavus?"
"Was? Wisst Ihr es nicht schon?"
"Ich tue es. Ihr fragt Euch, ob Tarras kommen wird, bevor der
Dimduorn gefriert."
Ich lehnte mich näher, die Hitze des Feuers ignorierend. "Und
werden sie? Wird Tarras kommen?"
Die Hexe schien nachzudenken. Ich fragte mich, ob ich es darauf ankommen
hatte lassen - ob sie nun, wo ich gefragt hatte, würde gezwungen sein,
zuzugeben, dass sie keine wahre Magie besaß, nur Tricks. Schließlich
nickte sie.
"Ich werde Euch Tarras zeigen. Dann könnt Ihr selbst
urteilen."
"Was meint Ihr?"
Sie zeigte zum Feuer. "Schaut. Und seht."
Ich folgte ihrer Bewegung mit meinen
Augen, aber sah nur die Glut, die zwischen den Flammen tanzte. Ich
begann, mich wegzudrehen. Dann, als wenn die Flammen zu einem Fenster
aus purpurnem Glas geworden wären, sah ich Bilder durch das Feuer
hindurch.
Eine Stadt stand auf den Klippen über einem azurblauen Meer: hohe Bögen,
schlanke Säulen, aufsteigende Kuppeln, die im Gold funkelten. Ich war
nie dort gewesen, aber mit meinem Herzen kannte ich es. Tarras.
Es war riesig - um so vieles größer als ich es mir vorgestellt hatte.
Wie ein Vogel stieg ich über dem Netz seiner Straßen auf, seiner Häuser,
seiner Tempel, seiner Märkte und zahllosen Paläste. Mein Herz
erzitterte. Wie hatte ich jemals die Macht meines Königreiches
anzweifeln können?
Ich kam näher, und mein Magen zog sich zusammen. Was von oben weiß und
rein erschienen war, löste sich in gesammeltem Dreck und Verkommenheit
auf. Die weißen Säulen waren beschmutzt. Die goldenen Kuppeln lösten
sich und brachen. Scharen von ungewaschenen Leuten überfüllten die
Straßen. Sie aßen Süßes und gebratenes Fleisch, und lachten über
die unbeholfene Unterhaltung der pockennarbigen Gaukler, oder sahen zu,
wie Hunde sich in Todeskämpfen maßen, einer den anderen mit seinen Zähnen
verletzend, bis Blut rann. Oder manchmal waren es Männer, keine Hunde.
Angewidert versuchte ich, mich abzuwenden. Stattdessen wurde ich in
Richtung eines riesigen Gebäudes gezogen, seine beschatteten Säulengänge
umgaben gekachelte Höfe und marmorne Springbrunnen. Ein Banner stieg
darüber auf, auffallend, doch verblassend: die drei Bäume und fünf
Sterne von Tarras. Der Palast des Herrschers. Vergoldete Türen öffneten
sich vor mir, und ich ließ mich in eine gewaltige Kuppelhalle treiben.
Nein, flüsterte ich, aber ich hatte keine Stimme, noch Augen, die ich
schließen konnte, um die Vision loszuwerden. Wie ein Meer aus Fleisch
krümmten sich nackte Körper auf dem Boden des Thronsaals. Darüber,
auf einem Podium, sah ein klobiger Mann zu, der die vergoldete Ithaya
Blätterkrone des Herrschers trug, sein hämisch grinsendes Gesicht
lustlos, aber nicht befriedigt, roter Wein tropfte wie Blut von seinem
Kinn.
"Nein!"
Dieses Mal schrie ich es. Ich steckte meine behandschuhte Faust ins
Feuer. Funken knisterten in der Luft, und ich riss meine Hand zurück.
Die Wörter brannten in meinem Hals, als ich sie aussprach. "Was
ist das für eine Lüge, die Ihr mir gezeigt habt, Hexe?"
Ihre Worte waren kühl und einfach wie Regen "Es ist keine Lüge."
Ich ballte meine versengte Faust. Hatte ich nicht schon gewusst, dass es
so war? Warum sonst waren alle meine Sendschriften unbeantwortet
verblieben? "Also wird der Herrscher nie Unterstützung schicken.
Wir sind verloren."
"Nein, Calavus. Tarras ist verloren. Es war schon vor Jahrhunderten
verloren. Ihr seid es nicht."
Eine sanfte Berührung auf meinem Arm. Ich sah auf. Ich hatte nicht
bemerkt, dass sie nähergekommen war.
"Was ist der Unterschied?", sagte ich. "Warum sollten wir
kämpfen? Jetzt sind wir nichts mehr. Männer ohne Königreich."
"Dann gib ihnen ein Königreich." Ihre Worte waren
weich, aber stachen sich in mein Herz. "Ihr werdet ein großartiges
Land regieren, Calavus. Wenn Ihr Euch dafür entscheidet. Ich habe es in
den Flammen gesehen."
Ich zwang meine Augen, sich zu schließen. Ihre Worte waren verlockend.
Aber das war Wahnsinn. Ich war der nicht genehmigte Befehlshaber einer
fernen Tarrasischen Garnison. Ich war kein Herrscher.
Ich öffnete meine Augen. "Und was ist mit Euch, Hexe? Was habt Ihr
für Euch im Feuer gesehen?"
Sie drehte sich weg. "Es ist am besten, die Flammen nicht für sein
eigenes Schicksal zu betrachten."
Darauf hatte ich keine Antwort.
Die Hexe drehte sich zurück. "In Eurem Kampf gibt es noch Hilfe für
Euch, Dor Calavus - ein Schatz aus dem Krieg der Steine. Sucht danach an
diesem Ort, hier, wo die Alten schlummern."
Ich schüttelte meinen Kopf. "Was ist es?"
"Wenn einer Feuer mit Feuer bekämpft, dann müsst Ihr Frost mit
Frost bekämpfen."
Ihre Worte sagten mir nichts. Ich lachte, damit ich nicht weinen musste.
"Und was für eine Bezahlung wollt Ihr für dieses großartige
Geschenk?"
Sie erhob sich. "Nur dies, Calavus. Dass, wenn Ihr Euer Land
beherrscht, wie ich es gesehen habe, Ihr schwört, niemals den alten
Weibern und Hexen und Heilern zu schaden oder sie zu vertreiben, was
auch immer Eure Gefolgsleute sagen mögen. Schwört Ihr das?"
Ich stand da und starrte auf ihr leuchtendes Gesicht. Es war absurd. Ich
hatte kein Land, aus dem ich andere vertreiben konnte. Trotzdem sprach
ich die Worte. "Ich schwöre es."
Die Hexe lächelte. Sie hob eine schlanke Hand und berührte meine
Wange. "Die Flammen können nicht lügen. Ihr werdet
regieren, Calavus. Und Ihr werdet einen Ort für meine Schwestern
schaffen. Ich habe es gesehen."
Bevor ich antworten konnte, flackerte das Lagerfeuer auf und sein
greller Schein blendete mich. Dann erstarben die Flammen, und ich sah,
dass ich alleine war.
***
Drei Wochen später kam der Winter
nach Theysa, am selben Tag wie Tarras.
Ich stand auf der äußeren Mauer der Garnison, gerade als Schnee von
einem harten Eisenhimmel zu fallen begann, und beobachtete die Reihe aus
Soldaten, wie sie die Tarras-Straße entlang ging. Vor ihnen ritten
zwanzig Männer auf schwarzen Pferden, und dahinter kam ein langer Zug
aus von Maultieren gezogenen Karren, die mit Vorräten belastet waren.
Trotz der Trostlosigkeit des Tages lachte ich. Der Herrscher hatte uns
immerhin nicht vollkommen vergessen.
Sicher, es waren nur drei Kompanien, die auf die Garnison zuritten, mit
keinen weiteren in Sicht. Dreihundert Männer, mit zwanzig Berittenen.
Jedoch waren es Männer aus Tarras - klein und dunkelhaarig wie ich,
aber stolz und muskulös. Ihre Brustpanzer schienen wie die Sonne über
dem Sommermeer. Ein Krieger von Tarras war sicherlich fünfzig wilde
Thanadain wert.
Mein Augen bewegten sich zum Horizont, aber ich konnte den Grabhügel
wegen dem dichter werdenden Schnee nicht sehen. Nicht, dass es eine
Rolle spielte. Die Magie der Hexe hatte sich getäuscht - wenn sie überhaupt
Magie hatte.
Und wenn sie keine Magie besaß, wie erklärst du dir dann, was du im
Feuer gesehen hast, Calavus?
Dann eben ein Trick. Oder Kräuter, in mein Maddok gemischt. Es
spielte keine Rolle. Tarras war gekommen, und in diesem Moment sorgte
ich mich wenig um die Arbeitsmethoden von Hexen.
"Blast die Hörner, Garius,", sagte ich zu dem jungen Soldaten
neben mir. "Lasst die Tore öffnen."
Garius nickte und stürzte los.
Ich verließ die Mauer und ging zu meiner Kammer, wo ich meinen guten
Mantel und meines Vaters Schwert anlegte. Als ich mich zum Gehen wandte,
wurde ich auf eine Bewegung aufmerksam. Ich blieb stehen, auf den trüben
Schatten eines Mannes blickend, der mich von dem polierten Silberspiegel
in der Ecke des Raumes aus anstarrte. Er war in Tarrasische Mode
gekleidet, und seine Augen und Haare waren so dunkel wie die aller, die
in den südlichen Ländern lebten. Aber da war etwas an ihm - die
Bleichheit seiner Haut, die hohen, scharfen Kanten seiner Wangen - das
von kälteren Ländern erzählte.
"Das ist töricht, Calavus,", murmelte ich. "Du bist so
Tarrasisch, wie jeder Mann des Königreiches."
War ich das nicht?
Eure Mutter ist einmal zu mir gekommen...
Ich bewegte mich zu dem Tisch des Raumes. Ich zog eine kleine Schachtel
unter einem Haufen von Papieren hervor. Sie passte leicht in eine Hand,
aber war schwer, aus Eisen geformt. Seine Oberfläche mochte einst
Schriftzüge oder Symbole getragen haben, aber die lange Bestattung
hatte sie jenseits der Lesbarkeit korrodiert. Die rostende Schachtel zum
ersten Mal aufzubrechen war keine einfache Leistung gewesen, aber nun,
gut geölt, öffnete sich der Deckel ohne Anstrengung.
Die Hexe hatte in einem Punkt recht gehabt, das würde ich der verrückten
Frau zugestehen - da war tatsächlich etwas unter dem Grabhügel vom
Krieg der Steine gewesen. Ich konnte nicht erraten, woher sie das
gewusst hatte, da es nicht leicht zu finden gewesen war, und dann auch
nur durch blindes Glück.
Es war eine Woche nachdem ich die Hexe getroffen habe, dass ich zu dem Hügel
zurückkehrte. Ich hatte mir gesagt, es war um zu sehen, ob sie die
Wahrheit sagte, ob da wirklich etwas zu entdecken war. Wie auch immer,
ich denke, es war kein Artefakt von Malachor, das ich zu finden hoffte.
Die ganze Woche, jedes Mal wenn ich schlief, träumte ich von Augen wie
grüner Smaragd, dich mich über tanzenden Flammen anstarrten.
Den ganzen Tag kletterte ich über die Oberfläche des Hügels, hie und
da eine Schaufel hineinsenkend. Bei Sonnenuntergang hatte ich dafür
nichts herzuzeigen, außer einer guten Menge an Blasen und dreckigem
Gewand. Erst dann war es, als ich den Hügel hinabstieg, dass mein
Stiefel fand, was meine Augen übersehen hatten: Ein kleines, gesenktes
Loch, das von einem Fleck Unkraut versteckt wurde. Genau als ich in das
Loch tastete, um meinen Stiefel zu befreien, streiften meine Finger
etwas weit zu quadratisches, um ein Stein zu sein.
Nun, wie ich es duzende Male getan hatte, seit ich die Schachtel am
Grabhügel gefunden hatte, starrte ich auf das Innere des Objektes. Es
war eine Scheibe aus cremefarbenen Stein, nur leicht größer als eine
Tarrasische Münze. In ihre Oberfläche war ein silbernes Symbol
eingraviert. Ich hatte nicht Yarrow gebraucht, um zu wissen, dass es
eine Rune war, aber als ich sie dem alten Runensprecher zeigte, wusste
nicht einmal er, welche Rune es war, und er kannte die Art des
Artefaktes nicht. Ich hatte ihn gebeten, eine Antwort auf diese Fragen
zu finden, aber bis jetzt war der alte Mann nicht zurückgekehrt.
Wieder einmal kamen beunruhigende Gedanken in mir auf. Wie hatte
die Hexe gewusst, dass ich dies finden würde? Aber vielleicht war es
kein so großes Rätsel. Schließlich hatte sie nicht gesagt, was ich
finden würde. Und logischerweise, wenn jemand einen Tag lang in einem
alten Grabhügel grub, musste er etwas finden.
"Dor Calavus?"
Ich schloss meine Hand um die Schachtel und drehte mich zur Tür. Der
Soldat Garius stand am Eingang.
"Die Verstärkungen nähern sich den Toren, Herr."
Ich nickte. "Ich werde gleich dort sein."
Der Soldat grinste. "Es ist wie Magie, nicht war, Herr? Drei
Tarrasische Kompanien, die aus dem Nebel marschieren, strahlend und glänzend.
Es ist, als wenn sie aus einer Geschichte marschieren würden."
Ich lächelte ihn an. "Ja. Genau so."
Ich ließ die Schachtel in meine Jacke gleiten, stieg dann durch die Tür
um meine Tarrasischen Gefährten zu treffen.
"Nicht schlecht, Dor Calavus,",
sagte Dor Virago, Hohekommandant der dritten Abteilung der fünften
Division der Armee von Tarras. "Ganz und gar nicht schlecht. Ich
habe Außenposten halb so weit von Tarras entfernt gesehen, die nicht
einmal in halb so gutem Zustand sind. Ihr habt Euch hier heraußen gut
gehalten."
Ich lächelte den Hohekommandanten an, der neben mir auf der Mauer
stand. Wie auch immer, als er seinen Blick nach unten richtete, um auf
die Aktivitäten der Garnison zu sehen, verschwand der Ausdruck von
meinen Lippen. Ich habe mich so gut gehalten, warum habt Ihr dann
Euren Männern befohlen, alles zu verändern, was ich hier gemacht habe,
Dor Virago?
Verspätet schalt ich mich für diesen unwichtigen Gedanken. War das
nicht, was ich all diese Jahre erhofft hatte - dass Tarras mit den Männern
und Unterstützungen kam, die diese Garnison brauchte um zu überleben?
Es stimmte, einiges von Dor Viragos Art, und die Art seiner Männer, war
anders als unsere. Einige meiner Soldaten waren in den letzten paar
Tagen zu mir gekommen. Sie waren wegen Viragos schroffen Befehlen
beunruhigt, oder seiner Neigung, einen Mann mit der flachen Seite seines
Schwertes zu schlagen, wenn eine Anweisung nicht schnell genug
beantwortet wurde. Und ich hatte beunruhigende Berichte aus dem Dorf gehört,
von jungen Frauen, die von den neuen Tarrasischen Soldaten angepöbelt
wurden. Wie auch immer, als ich mit Virago sprach, versicherte er mir,
dass keine solche Zwischenfälle vorgefallen waren, and er erinnerte
mich an das, was ich schon wusste - dass einfaches Volk dazu neigte, das
zu fürchten, was ihm nicht vertraut war.
"Kommt, Dor Calavus,", sagte Virago, mich am Ellbogen nehmend.
"Lasst uns nachsehen, wie es unseren Männern ergeht."
Der Hohekommandant lächelte wieder, und dieses Mal war es schwer, nicht
darauf anzusprechen.
Auf dem gefrorenen Schlamm des Garnisonsplatzes übten zwanzig meiner Männer
mit zwanzig von Viragos, alle gepolsterte Schwerter benutzend. Meine
Soldaten hatten gelernt, auf dem Feld zu kämpfen, aber viele von ihnen
waren jung, und allen mangelte es an formellen Training der Militärschulen
von Tarras. Sie waren, um es unbeschönigt zu sagen, schwer am
verlieren.
Ich zuckte zusammen, als Mardug, einer meiner größeren und
erfahreneren Männer, an mir vorbeiflog und der Länge nach auf den
Boden fiel.
Virago klopfte mir auf die Schulter. "Habt keine Angst, Calavus.
Wir werden eure Männer noch zu richtigen Tarrasern machen."
Ich beäugte den finsteren Himmel. Harte Stücke aus Eis fielen von den
Wolken. Ihr solltet Euch besser beeilen, wollte ich sagen.
Ich wurde auf eine Bewegung aufmerksam, und sah Yarrow auf der gegenüberliegenden
Seite des Hofes, seine graue Robe um sich klammernd, als er auf mich
zuging. Hatte der alte Mann etwas über das Artefakt herausgefunden?
"Ich muss sagen, Calavus, ich hatte auf meiner Reise hierher das
Schlimmste befürchtet."
Ich blinzelte und drehte mich zu Virago. "Was?"
Der Hohekommandant beobachtete die übenden Männer. "Obwohl hier
nicht alles so ist, wie es sein sollte, habt Ihr den wahren Tarrasischen
Geist behalten. Das war nicht bei allen hinterländischen Außenposten,
die ich besucht habe, der Fall. Ich habe Kommandanten gesehen, die ordinär
geworden sind."
"Ordinär geworden?"
Virago nickte. "Es zu sehen ist eine schreckliche Sache. Männer,
die ihre Pflicht für Tarras vergessen haben, die angefangen haben mit
Barbaren zu verkehren - ihre Getränke tranken, sich mit ihren Frauen
herumtrieben, mit ihrer primitiven Magie und ihren Runen
arbeiteten..."
Ich erstarrte. Yarrow hatte uns fast erreicht. Ich hob eine Hand
teilweise und machte eine schneidende Bewegung.
Virago runzelte die Stirn. "Ist etwas nicht in Ordnung, Calavus?"
Wieder gab ich Yarrow ein Zeichen. Der alte Mann legte seinen Kopf
schief, zuckte mit den Achseln und drehte sich weg. Ich seufzte, als er
durch eine Tür verschwand.
"Nein,", sagte ich, "es ist alles in Ordnung. Eure Worte
brachten mich nur dazu, über die Thanadain jenseits des Flusses
nachzudenken. Sie sind mindestens zehntausend, und wir sind nur
siebenhundert."
Virago schnaubte. "Zehntausend, ja. Aber mehr als zwei drittel von
ihnen werden alt sein, oder Frauen, oder Kinder. Von den Männern, die
übrigbleiben, sie werden angreifen, aber wenige zugleich, in Truppen
von höchstens fünfhundert. Und wenn wir eine Truppe besiegen, werden
sich die anderen umwenden und fliehen. Das ist die Art von
Barbaren." Der Hohekommandant spuckte auf den steinharten Boden.
"Sie sind nur Tiere, wisst Ihr."
Ich zitterte. Ich war davon nicht so überzeugt wie Virago. Doch der
Hohekommandant war ein erfahrener Krieger und hatte an vielen Fronten
des Reiches gekämpft.
"Ich denke, wir haben hier genug gesehen, Dor Calavus. Überlassen
wir die Kälte den Männern und lasst uns einen Kelch mit gewürztem
Wein trinken."
Ich zögerte, genoss ungern die Wärme drinnen, während meine Männer
draußen im dicker werdenden Schnee arbeiteten. Wie auch immer, warmer
Wein hörte sich gut an. Ich blickte auf meine Soldaten, drehte dann
herum und folgte Virago in die Garnison.
***
Am nächsten Morgen verließ ich
Theysa und ritt östlich über die gefrorenen Felder auf das Dorf
Faxfarus zu.
Faxfarus war einen Tagesmarsch von der Garnison entfernt, und es
widerstrebte mir, so weit von Theysa wegzugehen. Ich war in der Morgendämmerung
erwacht und hatte die Welt weiß von Frost vorgefunden. Einige meiner Männer
berichteten, große Eisbrocken auf der Oberfläche des Dimduorn fließen
gesehen zu haben, und jenseits des Flusses erhob sich Rauch von
Thanadainischen Lagerfeuern in die stille Luft, wie ein Wald aus grauen
Bäumen.
Wie auch immer, ich hatte keine andere Wahl als zu gehen. Ein Bauer war
zu der Garnison gekommen, schlechte Gerüchte zusätzlich zu seinem
Karren voll Torf mit sich tragend. Er sprach von Schwierigkeiten in
Faxfarus - obwohl er nicht wusste, was genau passiert war. Natürlich,
ich hätte einen meiner Hauptmänner schicken können, wie Dor Virago
vorschlug, aber das war nie meine Art gewesen. Ich zog es vor, Dinge mit
meinen eigenen Augen zu sehen, als auf die Worte anderer zu vertrauen.
Der Tag wurde eher kälter als wärmer, als ich über das leere Land
ritt. Der bleierne Himmel sank tiefer, und scharfe Eiskörner zischten
in alle Richtungen. Von Zeit zu Zeit ließ ich eine Hand zu der Wärme
in meiner Jacke rutschen - und um die kleine Scheibe aus Stein zu fühlen,
die ich dorthin gesteckt hatte. Yarrows Worte von der vorigen Nacht
hallten noch in meinen Gedanken.
Es ist die Arbeit der alten Runenmeister, Dor Calavus, und ein
Artefakt von großer Macht. Ich habe es zuerst nicht erkannt, da es in
veralteter Art eingraviert ist. Aber ich weiß nun, dass es Hadeth ist,
die Rune des Frostes.
Andere Wörter strömten in meine Gedanken, als ich mich an Augen so grün
wie der Sommer erinnerte. Ihr müsst Frost mit Frost bekämpfen....
Ich verstand nicht. Was hatte sie gemeint? Wie auch immer, das Vorübergehen
der Wegstunden brachte keine Antworten.
Der Tag verblich. Letztendlich, als eine Tinktur von Rot die graue Luft
färbte, den Sonnenuntergang, den ich nicht sehen konnte, andeutend,
ritt ich in das flache Tal, in dem Faxfarus lag.
In dem das Dorf Faxfarus gelegen hatte.
Ich brachte mein Pferd abrupt zum Stehen und rutschte vom Sattel.
Schatten schlichen durch die Ruinen des Dorfes, die Grenzen der Zerstörung
dämpfend, aber nicht verbergend. Kein Gebäude war unberührt
geblieben. Die meisten hatten gebrannt, ihre Steinschlöte griffen gen
Himmel wie Skelettfinger. Die verdrehten Gestalten von Kühen und
Schweinen lagen im Dorf verstreut, ihre halb-verrotteten Körper nun
hartgefroren, ihre aufgeschlitzten Hälse aufklaffend.
Meine Stiefel knirschten auf dem Boden, hielten dann neben einem
unfruchtbaren Fleck Erde. Ich kniete nieder, und bevor ich mich fragen
konnte, was hier begraben sein mochte, zog etwas, das bleich in der Düsterkeit
schien, meine Aufmerksamkeit an sich. Ich brach einen Klumpen von
eisenhartem Dreck auf, das Objekt darunter preisgebend. Es war klein,
schmal und vollkommen: die Hand eines Kindes.
Mit einem Schrei taumelte ich auf meine Füße. Erst dann sah ich die
anderen gefüllten Gruben, alle in einer Linie mit der ersten. Ich
schnappte den Zaum meines Pferdes, um mich vor dem Fallen zu bewahren.
Hatten die Thanadain es schon geschafft, den Fluss zu überqueren?
Aber das machte keinen Sinn. Die Barbaren hätten die Tiere auf dem
Bauernhof nicht geschlachtet, sondern hätten sie stattdessen mit sich
genommen. Und sie wären nicht verweilt, um die Toten in so exakt
angeordneten Reihen zu begraben....
Etwas am Boden zog mein Augenmerk auf sich. Ich bückte mich und strich
den Dreck von der Oberfläche des Dinges. Es war ein kreisrundes Schild,
aus Eisen und Holz angefertigt. Ich riss meine Hand zurück, als eine
neue Kälte mich ergriff, die mein Blut gefrieren ließ.
Der Schild war verziert mit drei Bäumen und fünf Sternen.
***
Ich erreichte Theysa bei Morgendämmerung.
Mein Pferd stolperte durch die Tore der Garnison. Irgendwann in der
Mitte der Nacht hatte ich das arme Tier schließlich ausruhen lassen.
Die Verzögerung hatte mich aufgefressen, aber das Pferd hätte mir
wenig geholfen, wenn sein Herz zersprungen wäre.
Nun erklomm die Sonne den Horizont, aber ihr rötliches Licht tat
nichts, um die kristalline Luft zu mildern. Da war kein Wind, kein
Vogelgesang. Nur ein tiefes Stöhnen, das gerade an die Grenze des Hörens
schlug, und dessen Ursache ich nicht ausmachen konnte. Yarrow hatte
recht gehabt. Niemals hatte es in Theysa eine Kälte wie diese gegeben.
Wie auch immer, ich spürte den Biss der Luft kaum, als ich abstieg und
in den Hof der Garnison ging.
Virago wartete auf mich. Er trug ein Lächeln auf seinem gutaussehenden
Gesicht, aber seine dunklen Augen waren schmal. Also hatte er gewusst,
was ich in Faxfarus finden würde.
"Warum?" Meine Stimme war wie das Krächzen eines Raben.
"Warum habt Ihr es getan, Dor Virago?"
Der Hohekommandant zuckte mit den Schultern. "Sie verweigerten mir
und meinen Hauptmännern die Gastfreundschaf, Dor Calavus. Wir mussten
ihnen eine Lektion beibringen."
Ich zwang meine Augen sich zu schließen, und in meiner Erinnerung sah
ich sie: das Volk von Faxfarus sich in ihren primitiven Häusern
verstecken, nicht verstehend, dass diese seltsamen Männer von dem Reich
waren, zu dem sie selbst gehörten - einem Reich, von dem sie nur in
Geschichten gehört hatten. Dann kamen die Schwerter, die Feuer und die
Schreie.
Ich öffnete meine Augen. "Und war dies das einzige Dorf, das Euch
auf eurem Marsch von Tarras die Gastfreundschaft verweigerte?"
Virago seufzte und presste seine Hand auf seine Brust. "Leider war
es das nicht."
Ich ballte eine Faust. "Bei Vathris...."
"Bei Vathris wurde es getan."
Virago trat vor und packte meine Schultern, sein gutaussehendes Gesicht
Zentimeter von meinem entfernt.
"Hört mir zu, Dor Calavus. Denkt nicht, dass diese Tat aus Vergnügen
oder Begierde getan wurde, da es nicht stimmt. Eher wurde sie auf die
selbe Art getan, wie ein Soldat auf dem Feld seine eigene, brandige Hand
abschlägt, wissend, dass er den Teil entfernen muss, so wertvoll er
auch ist, aus Furcht, dass das Gift sich auf den Rest seines Körpers
verteilt."
Ich starrte an ihm vorbei, wollte seine Worte nicht hören, obwohl sie
mich wie Eiszapfen stachen.
"Das Reich ist wie dieser Körper, Dor Calavus. Manchmal muss ein
fauler Teil herausgeschnitten werden, damit das Ganze überleben kann.
Was in dem Dorf geschah, ist unglücklich, ja. Aber wenn andere davon hören,
werden sie wählen, sich zu erinnern, dass sie ein Teil des großen
Imperiums von Tarras sind, und nicht herrscherlose Barbaren. Auf diese
Art wird das Reich - und sein Volk - aufrechterhalten."
Eine Übelkeit erfüllte mich, aber mit ihr kam auch das kalte Flüstern
von Logik. Ja, es machte Sinn.
Manchmal müssen wenige bestraft werden, um die vielen zu schützen. Ich
begegnete Viragos Augen.
"Ja!", sagte er. "Ich sehe, Ihr versteht, dass Ihr ein
wahrer Mann von Tarras seid. Wie ich sagte, Ihr habt Euch hier in den äußeren
Landen gut gehalten, Dor Calavus. Aber es gibt noch Gefahr für Euch
hier, wie ich aus erster Hand gesehen habe, während ihr fort
wart."
Mein Atem war ein Geist auf der Luft. "Was meint Ihr?"
"Eine heidnische Frau kam gestern zur Garnison und fragte nach
Euch. Sie behauptete, Neuigkeiten von den Thanadain zu haben, aber ohne
Zweifel, was sie wirklich suchte, war Euch in ihren gottlosen Wegen zu
fangen, Euch davon abzuhalten, ihre barbarische Verwandtschaft zu bekämpfen.
Dann, als wir sie in Gewahrsam nahmen, protestierte einer Eurer eigenen
Diener, gab sich als ein Wirker von Runen und barbarischen Handwerk
preis."
Übelkeit überflutete meine Brust. "Was?"
Er missverstand das Entsetzen auf meinem Antlitz. "Habt keine
Angst, Dor Calavus. Wir haben uns um die zwei Barbarenfreunde gekümmert.
Sie werden uns jetzt nicht belästigen."
Er deutete auf die andere Seite des Garnisonsplatzes. Ich stolperte an
ihm vorbei, starrte dann hinauf auf zwei zerlumpte Bündel, die von
Masten herunterhingen, welche ich vorher nicht bemerkt hatte. Galle
stieg meinen Hals hinauf und erstarrte dort.
Eines war dünn und knochig, seine graue Robe beschmiert mit Schmutz und
Blut. Das andere besaß Haar golden wie die Morgendämmerung. Wie auch
immer, ihre Augen, einst grüne Juwelen, wölbten sich wie trübe Steine
inmitten des aufgedunsenen Ovals ihres Gesichtes. Yarrow und die Hexe.
Beide waren gehängt worden.
Frost stahl sich in mein Herz. Ich fühlte weder Trauer, noch Zorn.
Stattdessen fühlte ich...nichts. Manchmal muss ein fauler Teil
herausgeschnitten werden, damit das Ganze überleben kann.
Bevor ich Worte zum Sprechen finden konnte, erschütterte das Geräusch
eines Hornes die spröde Luft.
"Die Fluss ist zugefroren!", rief eine Stimme von einer der
Garnisonmauern. "Die Thanadain kommen!"
Eine starke Hand packte meinen Arm. "Kommt, Dor Calavus. Vergesst
dieses primitive Weibsbild und den alten Knochensack. Zweifelt nicht
daran, dass das, was wir tun, richtig ist. Ruhm erwartet uns. Wenn wir
erst die Barbaren besiegt haben, sollt Ihr nach Tarras reisen und den
Kopf ihres Königs dem Herrscher selbst zeigen."
Ich starrte Dor Virago an. Er stand gerade, sein Antlitz edel, seine
Augen frei von Zweifel. Auf jede Weise war er ein echter Tarraser -
alles, was ich immer geglaubt hatte, dass ich sein sollte. Ich drehte
meinen Rücken zu den zwei schlaffen Gestalten an den Mästen, ergriff
mein Schwert und folgte dem Hohekommandanten in die Schlacht.
Wir näherten uns dem Fluss wie eins, vierhundert Männer
von Theysa und dreihundert Soldaten von Tarras. Ich ritt neben Dor
Virago unter der goldenen Flagge des Reiches. Der Hohekommandant kündigte
an, dass ich helfen sollte, die vereinte Kraft zu führen.
"Seht dies als Eure Belohnung für all die Jahre, die Ihr hier in
diesem Nest sorgfältig Wache gestanden habt,", sagte Virago, während
wir ritten. "Bald werden alle im Reich den Namen Calavus
aussprechen."
Noch immer benommen konnte ich mein Kiefer nicht öffnen, und ich nehme
an, er missverstand meine Stille als Zustimmung, da er grinste und sein
Pferd antrieb.
Wir hielten am oberen Teil des Südufers des Dimduorn, und ein Keuchen
von kühler Luft füllte meine Lungen. Obwohl ich ihre Zahl wusste, war
ich nicht auf die Horde von Thanadain vorbereitet, die auf der gegenüberliegenden
Seite des Dimduorn kauerte. Wie auch immer, es waren noch weit mehr als
fünfhundert. Zweitausend mindestens. Dreimal unsere Zahl.
Aber dennoch, sie waren in primitives Gewand und Pelze gekleidet. Sie
trugen keine Schilder, und ich wusste, dass ihre Schwerter, obwohl glänzend,
in dieser Kälte so spröde wie Glas sein würden, nicht wie der gehärtete
Stahl von Tarras. Wir hatten eine Chance. Wenn wir gut kämpften, und
klug, konnten wir diese Barbaren zurückhalten.
Ich starrte auf die Tarrasischen Soldaten um mich, in genaue Reihen
geordnet, gekleidet in strahlende Rüstungen, und plötzlicher Stolz kam
in meiner Brust auf. Waren sie den Thanadain nicht auf jede Art überlegen?
Virago hatte Recht - es war Zeit, Angst und Zweifel zu vergessen.
Niemand würde dem Reich im Weg stehen. Was wir taten war richtig,
einfach weil wir es taten.
In diesem Augenblick fühlte ich, wie mein Herz stärker und rein wie
Eis wurde, und ich wusste, dass ich letztendlich ein echter Tarraser
war. Ordentliche Schultern, ein gerader Rücken, drehte ich mein Pferd
herum, um auf Virago zuzureiten.
"Es waren drei Goldstücke, nicht zwei, Lenarus,", sagte eine
derbe Stimme neben mir.
"In Ordnung, du Bastard eines Bullen. Aber ich weiß noch immer
nicht, wie du so sicher sein konntest, dass sie zuerst gehen würde. Das
Weibsbild schien stark zu sein, während das alte Wasserhuhn aussah, als
wenn ein Lufthauch ihn umwerfen würde. Aber er hat den ganzen
verdammten Tag da oben geschrieen."
"Ich wusste, dass sie schnell gehen würde. Ich konnte es in ihren
Augen sehen, als wir sie hinaufgezogen haben. Ihre Art kann es nicht
ertragen, gefangen zu werden."
Ich zog stark an den Zügeln und starrte die zwei Tarrasischen Soldaten
an, die ein paar Schritte entfernt standen. Gold wurde zwischen groben
Fingern weitergegeben, dann gingen die Männer, um sich ihren Waffenbrüdern
anzuschließen. Stolz und Gedanken des Ruhmes flohen von mir, ersetzt
von Qual. In meiner Brust schmolz mein Herz, wurde wieder ein Ding aus
warmem, schwachen Fleisch.
Ein Licht berührte mein Knie. Ich sah hinunter auf Mardug, einen meiner
Männer. Er trug einen schmerzerfüllten Ausdruck auf seinem einfachen,
bärtigen Gesicht.
"Wir versuchten, sie aufzuhalten, Dor Calavus. Aber sie haben den
armen, alten Yarrow gehängt, bevor wir noch wussten, was sie taten. Ich
weiß nicht, wer die Frau war. Sie sagte, sie kam mit einer Botschaft für
Euch."
"Eine Botschaft?"
Mardug nickte. "Nur dass sie nicht viel Sinn machte. Sie hatte
etwas mit Frost zu tun, und wie er Euer Feind war, nur dass er auch Euer
Verbündeter war."
Meine Hand rutschte in meine Lederjacke und fühlte den kleinen, weichen
Kreis aus Stein, der darin steckte. Als die Tarraser nach Theysa kamen,
dachte ich, dass die Hexe falsch gelegen war, dass sie keine Magie besaß.
Jetzt wusste ich, dass es nicht stimmte. Die Hexe hatte nie gesagt, dass
das Reich nicht kommen würde. Stattdessen hatte sie mir Tarras im Feuer
gezeigt, um mich selbst entscheiden zu lassen.
Dennoch, wenn sie wirklich Magie besaß, warum war sie zur Garnison
gekommen? Hatte sie ihren eigenen Tod nicht gesehen?
Es ist am besten, die Flammen nicht für sein eigenes Schicksal zu
betrachten....
Bevor ich mich weiter fragen konnte, war Virago plötzlich auf seinem
schwarzen Pferd neben mir. Er lachte, und sein Schwert glitzerte
dunkelrot in der Morgensonne.
"Kommt, Calavus! Ruhm wartet auf Euch!"
Ich zögerte, streckte meine Hand aus und griff nach Viragos Arm, ihn
festhaltend. "Wartet...ich habe eine Idee."
Virago runzelte die Stirn. "Ja?"
Ich leckte meine Lippen ab. Die Wörter schienen nur kaum meine eigenen
zu sein. "Lasst uns die Theysischen Kompanien als Reserve behalten.
Lasst die Thanadain denken, dass wir schwächer sind, als wir sind.
Dann, wenn sie kommen um uns zu treffen, werde ich meine Soldaten rufen
und-"
"Und wir werden sie von beiden Seiten zerquetschen!" Virgos
Augen strahlten. "Bei Vathris, ich denke, letztendlich seid Ihr ein
echter Tarraser, Calavus."
Ich nickte und sagte nichts. Virago gab die Befehle. Augenblicke später
erschütterte ein Horn die Luft, und ich galoppierte mit meinem Pferd
hinter dem Hohekommandanten her. Die anderen berittenen Soldaten
stampften auf jeder Seite, während hinter uns, in drei exakt geordneten
Kompanien, die Tarrasischen Fußsoldaten das Ufer hinunter marschierten.
Meine Männer blieben weiter oben außer Sicht. Eis knisterte unter
Hufen und Stiefeln, als wir uns auf dem Fluss bewegten, dann breitete
Virago seine Arme aus, und alle kamen zum Halten, in Formationen
stehend.
Die Thanadain drängten sich in einer ordnungslosen Schar dreißig
Schritte weg. Nun, wo ich nahe war, konnte ich sehen, wie jämmerlich
die Barbaren waren. Obwohl sie groß waren, standen Knochen unter ihrer
blassen Haut hervor. Sie waren schon vom Hunger und von der Kälte
halbtot. Aber das Licht der Verzweiflung schien in ihren seltsamen,
fahlen Augen.
Virago hob seine Hand über seinen Kopf, bereit, sie schnell
herabzusenken, Fallbewegung: Angriff.
Bevor er handeln konnte, griff ich in meine Jacke und zog die bleiche
Steinscheibe hervor. Hadeth. Frost.
Ich zwang meine Augen, sich zu schließen, und einen Augenblick lang sah
ich Tarras: seine vergoldeten Tore offen, als ich im Triumph hindurch
marschierte. Bald würde das gesamte Imperium den Namen Calavus kennen.
Das hatte Virago gesagt. Und es würde sein - aber nicht auf die Art,
wie er gedacht hatte. Die Vision von Tarras verblich in meinen Gedanken,
und ich wusste, das ich die goldenen Kuppeln nie wieder sehen würde,
weder in Visionen, noch im Leben. Ich war kein Tarraser.
"Bei dem Blutigen Stier!", knurrte Virago. "Was tut Ihr,
Calavus? Ist das eine Art von barbarischem Zauber?"
Ich öffnete meine Augen und traf Viragos Blick. "Man muss Frost
mit Frost bekämpfen."
Bevor er mich fragen konnte, schleuderte ich die Rune nach vorne. Mit
einem Geräusch wie ein Glockenspiel schlug es auf dem halben Weg
zwischen den Tarrasern und den Thanadain auf das Eis. Virago öffnete
seinen Mund, aber was für Worte er auch hervorstieß, sie waren
verloren, als ein tiefes Stöhnen auf die Luft schlug. Die Pferde tänzelten,
und die Barbaren drängten sich zurück, als das Eis des Flusses unter
unseren Füßen erbebte.
Zuerst dachte ich, das Eis würde an der Stelle, wo die Rune hingefallen
war, brechen. Es schien, als wenn Wasser aus einem großen Riss
aufsprudelte, neue, kristalline Umrisse formend, als es die kühle Luft
traf. Dann begannen die Umrisse, sich zu bewegen.
Eins nach dem anderen, mit schwachen Schritten, kamen sie von der Spalte
im Eis: Krieger, so bleich wie der Frost, die Schwerter wie Eiszapfen
trugen. Schreie stiegen von den Thanadain auf und Flüche von den
Tarrasern. Mehr Sprünge öffneten sich, und mehr Krieger des Frostes
strömten hervor, bis es hunderte von ihnen waren. Rüstungen wie
gebrochenes Glas bedeckten sie, und ihre durchsichtigen Körper brachen
die dunkelrote Wintersonne, so dass es schien, dass ein Herz in jeder
Brust der Eiskrieger schlug.
Schreckensschreie kamen nun von den Thanadain. Sie zitterten vor Angst,
fielen und zogen sich über das Eis zurück. Virago lehnte sich in
seinem Sattel vor, um meinen Arm zu ergreifen. Seine Augen glühten.
"Natürlich, Calavus - nun erkenne ich es. Ihr bekämpft sie mit
ihrer eigenen, faulen Magie. Das ist brillant. Nun ruft Eure Männer,
und wir werden sie alle töten."
Ich schluckte hart. Wollte ich das wirklich tun? Wie auch immer, als ich
mich fragte, sprach ich die Worte aus.
"Ihr werdet nie wieder töten, Dor Virago."
Er runzelte seine Stirn, und das Licht in seinen Augen flackerte. Bevor
er sprechen konnte, hob ich eine Hand und zeigte auf ihn und die anderen
Tarraser.
"Hadeth!", rief ich.
Die Frostkrieger kannten ihre Artgenossen und Feinde. Gemeinsam
trotteten sie über den gefrorenen Fluss.
Bis die Soldaten von Tarras verstanden, was geschah, war es viel zu spät.
Mit dem Geräusch von Eis auf Stahl trafen sich die beiden Kräfte.
Zuerst sah es nicht wie ein Wettkampf aus. Die Frostkrieger wurden unter
den Schlägen der Tarrasischen Schwerter zu Splittern zerschlagen. Dann
kamen mehr der Eisfiguren, und mehr. Der Stahl war stärker, aber das
Eis war unerbittlich. Man kann den Winter nicht besiegen, hatte Yarrow
gesagt.
Kaltes Eis stach warmes Fleisch. Schreie stiegen in der Luft auf. Blut
floss kurz, gefror dann. Als die Tarraser starben, griffen bleiche Hände
aus den Spalten im Fluss und zogen die geschlagenen Körper der Männer
unter das Eis.
Viragos Augen wirbelten herum. Speichel schäumte und gefror auf seinen
Lippen. "Bei Vathris - Ihr habt uns alle zugrunde gerichtet,
Calavus!" Er hieb mit seinem Schwert auf mich.
Die Bewegungen waren so leicht, als wenn ich schon immer ein großer
Krieger gewesen wäre. Ich lenkte seinen Schlag ab, drehte dann meines
Vaters Schwert in einem glitzernden Bogen herum, um seinen Hals zu öffnen.
"Nein, Virago,", murmelte ich. "Ihr habt Euch vor langer
Zeit zugrunde gerichtet."
Seine Augen flatterten und schlossen sich, und er stürzte von seinem
Pferd, als das Tier durchging. Als Virago auf das Eis stieß, öffnete
sich eine Spalte. Weiße Hände umfassten seine Arme und seine Beine,
zogen ihn dann hinunter in das dunkle Wasser. Die Spalte fror wieder
zusammen, und nichts war mehr von ihr zu sehen..
Ich rutschte vom Rücken meines Pferdes und blickte hinauf, um zu sehen,
wie der letzte der Frostkrieger fiel und zersprang, zu Schnee wurde. Es
war vorbei. Die Tarraser waren verschwunden. Auf der Uferböschung
beobachteten meine Männer weiter, ihr Augen aufgerissen vor
Verwunderung.
Ich sah hinunter und sah, dass mein Schwert und meine Hände mit Blut
bespritzt waren. Viragos Blut. War es richtig, was ich getan hatte? Ich
wusste es nicht. Aber vielleicht war es eine gute Sache, zu zweifeln,
immer seine eigenen Taten zu hinterfragen, aus Furcht, dass die Kälte
des Stolzes einen in Eis verwandelt.
"Großer Zauberer...,", sprach eine tiefe Stimme.
Ich drehte mich herum und sah einen riesigen barbarischen Mann vor mir
stehen. Der silberne Torc um seinen Hals sagte mir, dass es ihr König
war. Hinter ihm war ein Duzend Krieger. Waren sie gekommen, um mich zu
ermorden, nun, da ich alleine war? Ich blickte in die Augen des Königs,
die Farbe des Winterhimmels. Dann, zu meinem Erstaunen, kniete er sich
vor mir auf das Eis. Seine Krieger taten es ihm nach.
"Wir werden Euch folgen, großer Zauberer des Winters," sagte
der Barbarenkönig in einem stark akzentuierten Tarrasisch.
In einem kristallinen Augenblick sah ich es. Ihnen war kalt und sie
waren in einem erbärmlichen Zustand, ja, aber noch immer stolz. Ich würde
mit zehntausend Thanadain hinter mir nach Tarras marschieren. Niemand würde
in unserem Weg stehen. Die Hexe hatte Recht, ich würde regieren....
Ich schüttelte meinen Kopf, die Bilder vertreibend. Ja, ich würde
regieren - aber als König, nicht als Imperator. Wir brauchten Tarras
und seine goldenen Türme hier nicht. Licht sprühte vom Eis, und in ihm
sah ich eine neue Vision: ein steinerner Bergfried mit vielen Türmen,
die sich über die grüne Ebene entlang des Flusses erhoben.
Ich ergriff die dicken Handgelenke des Barbarenkönigs. "Wir werden
hier ein neues Königreich errichten. Gemeinsam."
Er lächelte zurück, große, weiße Zähne zeigend. Dann drehte er
sich, hob seine Arme und rief in seiner eigenen Sprache zu seinen
Leuten, meine Worte übersetzend. Jubelrufe stiegen von der
Menschenmenge auf, von meinen eigenen Männern wiedergegeben.
Und dort, in der Mitte des Winters, fühlte es sich so warm an wie im Frühling. |