Der Geist der Drachenritter

"Weihnachten bei den Drachenrittern" stand in handgeschriebenen, verspielten Lettern auf dem Pergamentpapier. Und darunter: "Ihr seid herzlich dazu eingeladen, in unseren Hallen mit den Drachenrittern und anderen Gästen das diesjährige Weihnachtsfest zu feiern. Euer Kommen würde uns sehr freuen.

Auf Bald,
Der Drachenmeister

Wütend zerknüllte der Ritter die Einladung und warf sie in eine staubige Ecke. "Pah, was bilden die sich nur ein!" Die Zurückweisung bei seiner Bewerbung hatte er noch immer nicht akzeptiert. "Zuerst lehnen sie mich ab und meinen, ich bin nicht gut genug für ihre Reihen, und dann so etwas! Pah!" Er stampfte zurück zu seinem Schreibtisch, auf dem sich zwischen zahlreichen Schriften Essensreste türmten, und verscheuchte eine fette Ratte, die sich an seinem Abendessen zu schaffen machte. Dann biss Ritter Grudge herzhaft in die Lammkeule hinein und riss ein Stück davon ab.
Und spuckte es sofort wieder aus.
"Tod und Teufel! Rattengift!" Er hatte vergessen, dass er sein Abendessen in eine Rattenfalle umgewandelt hatte. Mit einem bösen Blick warf er der Ratte die Keule hinterher. Die Tier flüchtete mit einem Quieken in ein nahe gelegenes Loch.
Fluchend ging Grudge in seine Schlafkammer, schlug die Tür mit einem lauten Knall hinter sich zu und legte sich hin. Bald schlief er tief und fest.
Jedoch nicht lange. Denn als der Mond gerade aufgegangen war und sein fahles Licht über das Land warf, wälzte sich Grudge - von Alpträumen geplagt - in seinem Bett. Schweiß stand auf seiner Stirn. Immer wieder stöhnte er, und Wortfetzen drangen aus seinem halb geöffneten Mund.
"Bewerber ... Bewerber ... nein, Ablehnung ... nein! ... Henker ... nicht, nein ... Ablehnung ... nein!"
Das letzte Wort hatte er geschrieen. Grudge fuhr aus dem Schlaf hoch und fasste sich an den Hals. Erleichtert atmete er auf, als er fühlte, dass nichts fehlte. Einen Moment später verhärteten sich seine Züge und Grudge warf den eisernen Kerzenständer neben dem Bett gegen die Mauer. Irgendwann würde er es den Drachenrittern heimzahlen, dass sie ihm solche Träume schickten. Dem Henker und diesem Zweihänger-schwingenden Barbaren, die ihn jede Nacht quälten, zu allererst. Grudge ballte die Hand zu einer Faust, bis die Knöchel weiß hervortraten. Irgendwann, sie würden schon sehen.
Grudge schlief wieder ein und erwachte wieder, diesmal zu fortgeschrittener Stunde. Der Mond war schon fast hinter dem Horizont verschwunden. Seine zarten Strahlen erreichten kaum die kleine Kammer, dennoch war der Raum hell erleuchtet. Grudge blinzelte und hob eine Hand zur Stirn, um das grelle Licht etwas abzuschirmen. Als er sich an die Helligkeit gewöhnt hatte, erkannte er auch ihren Grund. Nicht allzu weit von seinem Bett entfernt stand eine halb durchsichtige Gestalt, um die sich ein Schimmern gebildet hatte. Es war ein Ritter, groß und in einer metallenen - und schon etwas angerosteten - Rüstung. An seiner Hüfte hang ein verzierter Zweihänder und das Visier des Helms war heruntergeklappt.
"W...wer seid Ihr? Was habt Ihr hier zu suchen?" Entgegen seinem Willen zitterte Grudges Stimme. Hatte er etwa vor diesem Ritter Angst? Unmöglich. Bestimmt lag es nur an der Kälte.
"Viel,", ertönte eine tiefe Stimme unter dem Helm hervor. Nach einer Pause fuhr sie fort: "Du wirst vor drei Prüfungen gestellt werden."
Bei diesen Worten fiel Grudge die verblüffende Ähnlichkeit der Gestalt mit dem Drachenritter auf, der ihn bei seiner Bewerbung ganz besonders böse angesehen und von allen am lautesten geschrieen hatte. Wollten sie ihn etwa noch weiter demütigen?
"Schon wieder? Du bist einer dieser arroganten Drachenritter, nicht wahr? Mit euch will ich nichts mehr zu tun haben!" Er spuckte demonstrativ vor die Füße des Ritters.
"Nicht die Drachenritter werden dich prüfen."
Grudge ignorierte den Einwand. Man sah dem Ritter doch schon an, dass er von der Drachenburg kam. Durch das Visier konnte er die stechenden, kleinen Augen blitzen sehen. Und wer sonst würde es wagen, mitten in der Nacht bei ihm, dem großen Ritter Grudge, aufzutauchen?
"Weißt du denn überhaupt, wen du vor dir hast?", fragte die Gestalt.
"Nein, da Ihr Euch offensichtlich zu gut seid, um Euren Helm abzunehmen."
Der Ritter schüttelte den Kopf, was ein kurzes Quietschen verursachte.
"Wenn du an Geister glaubst ... ich bin der Geist der Drachenritter."
Also doch! Zuerst bestreiten, dass die Drachenritter ihn wieder niedermachen wollten, und es dann offen zugeben. Sehr schön. Grudge überlegte, wo er vor dem Schlafengehen sein Schwert hingelegt hatte. In seiner Burg hatten solche Leute nichts zu suchen.
"Du wirst geprüft werden,", sagte der Geist. "Es ist deine letzte Chance. Mach dich bereit."
Letzte Chance? Wofür? Eine Aufnahme bei den Drachenritter? Das wollte er sowieso nicht mehr. Doch als er ansetzte, dem Geist genau das zu sagen, wurde das Leuchten heller. Grudge musste die Augen bedecken, um nicht geblendet zu werden.
"Wart-"
Ein Schwindel überkam ihn. Ohnmächtig sackte Grudge auf dem harten Steinboden zusammen.

Als er die Augen öffnete, schien die Sonne über ihm. Er saß an eine Mauer gelehnt auf dem Boden eines kleinen Platzes. Um ihn herum standen halbfertige Bauten. Es herrschte reges Getümmel, Handwerker huschten hin und her, Knappen brachten ihren Rittern Mahlzeiten und überall hörte man Rufe und Lachen. Niemand beachtete Grudge.
Niemand, bis auf eine halb durchsichtige Gestalt, die einen Schritt neben ihm stand. "Ich bin die Dame der Vergangenheit,", beantwortete sie seine unausgesprochene Frage. Ein wallendes, weißes Gewand umgab ihre schlanke Figur. Die blonden Haare waren in einem Zopf nach hinten gebunden.
"Sprich nicht,", sagte sie. "Komm mit und betrachte."
Normalerweise hätte Grudge darauf nichts gegen und lautstark verlangt, zu erfahren, was bei den Höllen vor sich ging. Doch er tat es nicht und folgte der Lady mit einem Abstand von wenigen Schritten.
Sie führte in über den Platz, auf ein einfaches Zelt zu. Immer wieder blieb sie stehen und bedeutete Grudge, sich etwas anzusehen: einige spielende Kinder, eine Bäckerin, die Kuchen machte, zwei Knappen, die sich im freundschaftlichen Holzschwertkampf maßen,...
Vor dem Zelt angekommen bemerkte Grudge schließlich zwei Gestalten. Eine hielt einen Plan in der Hand, den er - erfreut, wie es schien - studierte. Der andere Mann, schon etwas älter, sprach mit ihm über den Bau, der wohl gerade stattfand.
"Sie können uns nicht sehen,", hörte Grudge die Stimme der Lady neben ihm. Dann konzentrierte er sich auch schon wieder auf das Gespräch, das die beiden Männer führten.
"Es wird wunderbar werden,", meinte der Jüngere enthusiastisch. "Ein Treffpunkt für alle Ritter und Ladies, ein Platz, an dem sie sich austauschen können, sich gegenseitig unterstützen,..."
Der Mann daneben schmunzelte. "Zuerst muss die Burg stehen. Gut Ding braucht Weile, wie man so schön zu sagen pflegt. Und mit der Zeit werden wir sehen, wie die Drachenburg sich entwickelt."
"Natürlich. Aber wenn ich mir ansehe, mit wie viel Freude die Menschen hier schon jetzt bei der Arbeit sind, kann daraus nur etwas Großartiges entstehen." Er legte den Plan wieder zusammen und steckte ihn ein. "Kommt, mein Freund, lasst uns ihnen helfen. Jeder soll seinen Teil beitragen."
"Und ich zweifle nicht daran, dass es jeder tun wird."
Grudge brummte und drehte sich um. "Was willst du-"
Der Geist war verschwunden.
Grudge drehte sich herum, ob er vielleicht nur irgendwo hingegangen war, aber er konnte den Geist nicht entdecken.
"Hallo?", rief er. "Hey!"
Doch er bekam keine Antwort. Das Gespräch interessierte ihn nicht. Als er sich noch einmal umdrehte, stand eine Lady vor ihm. Obwohl sie sich vollkommen von dem Geist unterschied - rabenschwarze Haare und ein rotbraunes Kleid -, fühlte Grudge doch, dass es zwischen ihnen eine Gemeinsamkeit geben musste.
"Wer-", setzte er an.
"Ich bin die Dame der Gegenwart,", antwortete sie. "Du hast hier genug gesehen. Komm."
"Warte!", rief Grudge. "Ich will doch gar nicht..."
Doch es half nichts. Der Geist ignorierte seinen Einwand und war schon vorausgegangen, auf ein Gerüst zu, das wohl später zu einem Tor werden würde. Grudge musste ich wohl oder übel folgen.
Während er der Lady nacheilte, veränderte sich die Umgebung um ihn. Die Menschen verblassten, die Baugerüste verschwanden und machten Platz für die fertigen Gebäude. Hinter ihm ragte nun die hohe Drachenburg in den wolkenlosen Himmel, und vor ihm, wie er vermutet hatte, lag das Tor zum Innenhof.
Entgegen seiner Erwartungen schritt die Lady nicht durch das Tor, sondern wandte sich kurz davor nach links. Grudge holte sie ein.
"Wartet! Ich verlange zu erfahren-"
"Ihr habt gar nichts zu verlangen, Ritter Grudge." Der sanfte Ton, in dem sie es sagte, konnte nicht über die Bestimmtheit hinwegtäuschen.
Erst jetzt fiel Grudge ein, wohin sie gingen. Bei seiner Bewerbung bei den Drachenrittern hatte er zwar nicht viel von der großen Burg gesehen, doch dieser Teil war ihm wohlbekannt: der Richtplatz. Grudges Miene verdüsterte sich.
Hier hatte man ihn gedemütigt, immer und immer wieder. Hier hatten die Drachenritter ihn und seine Burg durch den Dreck gezogen, sie als baufällig bezeichnet und ihm angekreidet, dass es zog, Ratten gab und die Familienportraits nicht seine eigenen waren. Hier hatten sie sich über ihn und die lange Tradition seiner Vorfahren lustig gemacht.
"Warum habt Ihr mich hierher gebracht?", schrie er. "Ich habe mir geschworen, diesen verfluchten Ort nie wieder anzusehen. Was habe ich Euch getan, dass Ihr mich noch immer quälen müsst?"
Er stürzte auf die Lady zu, wie um sie anzugreifen. Doch sie wich nur mit einem eleganten Schritt zur Seite aus. Von seinem eigenen Gewicht geschoben kam Grudge ins Stolpern und fiel auf die Erde. Er schnaubte wütend. Aber in seinen Gebärden lag eine Spur von letzter Resignation.
"Wieso?", flüsterte er.
"Diesmal hat es leider nicht ganz geklappt."
Ein Paar Lederstiefel befanden sich vor Grudges Gesicht, als er versuchte, sich wieder zu erheben. Ein weiteres Paar stand neben ihm.
"Ja, leider." Die traurige Stimme eines Knaben.
"Aber ich bin sicher, beim nächsten Mal werdet Ihr es schaffen. Es fehlen nur die letzten Feinschliffe. Ein paar rostige Scharniere ölen, den Stall einmal richtig putzen, und schon werdet Ihr Euch auch Drachenritter nennen dürfen. Wenn Ihr wollt, kann ich Euch dabei helfen. Mit quietschenden Türen habe ich einige Erfahrungen, da kann ich Euch gerne ein paar Tricks zeigen."
"Ich ... ich danke Euch vielmals, Mylady."
Grudge stand langsam auf und klopfte sich den Staub von den Kleidern. Er sah sich die beiden Sprecher genauer an. Der eine war ein Knabe, wie er von der Stimme her angenommen hatte. Neben ihm stand eine Drachenritterin, die er schon kannte. Sie war bei seiner Bewerbung eine der Freundlicheren gewesen. Wenn die anderen Ritter ihn nicht so vehement beleidigt hätten, hätte sich zwischen ihnen sicher ein nettes Gespräch ergeben...
"Wirklich, vielen, vielen Dank, Lady Christina. Erst durch die Drachenritter habe ich gemerkt, wie viel an meiner Burg noch zu machen ist. Ich weiß gar nicht, wo ich zuerst anfangen soll, weil es so viel zu tun gibt." Er lächelte schüchtern.
"Keine Sorge,", erwiderte die Lady fröhlich. "Das schaffen wir schon. Und du wirst sehen, nach einer kleinen Renovierung nehmen wir dich mit Kusshand auf."
Sie lachten.
Grudge sah sich um. Überall standen Ritter, Ladies, Knappen und Burgfräuleins herum und diskutierten angeregt. Erst jetzt fiel Grudge auf, wie ... glücklich sie aussahen. Er spürte einen kleinen Stich in seiner Brust.
Mich sich und seinen Gefühlen hadernd wandte er sich um und ging auf die Dame der Gegenwart zu, die etwas abseits stand.
"Habe ich genug gesehen?"
Sie nickte.
"Komm."
Bevor Grudge wusste, wie ihm geschah, fand er sich auf einem Hügel in der Nähe der Drachenburg wieder. Er blickte hinunter auf das Tal, in dem die stolze Feste lag. Das Blöcken von Herdentieren konnte man bis hierher hören.
Mit einemmal zog ein Sturm von Westen auf. Der Wind erhob sich und fuhr durch die Zinnen der Burg und die Bäume des nahe gelegenen Waldes. Während sich der Himmel durch schwarze Regenwolken verdunkelte, wandelte sich auch die stolze Drachenburg. Grudge hatte den Arm über sein Gesicht gelegt, um sich von dem überraschenden Unwetter zu schützen. Als er ihn wieder vorsichtig herabsenkte, erkennte er die Landschaft unter ihm nicht mehr. Die Heimat der Drachenritter brannte.
Flammen stiegen hoch in den Himmel hinauf und erhellten die Dunkelheit. Grudge erkannte undeutlich, wie vom Westen Reiter auf die Burg zugesprengt kamen. Sie schwangen ihre Waffen hoch über den Köpfen. Ihre Rufe drangen bis auf den Hügel.
Grudge wollte näher heran, um zu sehen, was geschehen war, doch eine Hand legte sich auf seine Schulter und hielt ihn fest. Neben ihm stand eine junge Frau. Sie blickte regungslos auf die Burg hinab. Nur die smaragdgrünen Augen verrieten etwas von dem Schmerz in ihr.
"Dann seid Ihr..."
"Die Dame der Zukunft,", beendete sie den Satz, ohne Grudge anzusehen. "Du willst wissen, wie es dazu,", sie deutete auf die Burg, "gekommen ist, nicht wahr?"
Grudge nickte. "Wie konnte das passieren?"
Er dachte dabei nicht nur an die Drachenburg. Nein, das ganze Land schien ... verseucht, lebensfeindlich. Der blattlose Wald und das trockene Gras am Boden sprachen deutliche Worte. Und hätte er es nicht besser gewusst, so hätte er geschworen, dass selbst der Wind versuchte, seine Haut zu zerschneiden, oder ihn hoch zu heben und in einem scharfkantigen Gebirge fallen zu lassen.
Die Lady drehte sich zu Grudge und sah ihm direkt in die Augen. Der harte Ausdruck auf ihren Zügen passte nicht zu dem sommersprossigen Gesicht, das fühlte der Ritter.
"Ihr wolltet es so, Grudge." Ihre Stimme klang kalt, anklagend.
"Was? Aber ... nein ... ich würde so etwas nie tun." Natürlich, er mochte die Drachenritter nicht. Dennoch, ihre Burg niederzubrennen und das Land derart zu verwüsten war nicht, was er im Sinn hatte.
"Ihr wolltet doch Rache. Ihr habt sie bekommen." Die Lady hatte sich wieder abgewandt und blickte erneut starr auf die Burg. Der rote Schein warf Schatten auf ihr Gesicht und die rötlichen Haare fielen wie kleine Flämmchen auf das dunkelgrüne Kleid. "Ich glaube, Ihr seid sehr glücklich." Bitterkeit.
"Wie könnt Ihr nur so etwas sagen? Es lag nie in meiner Absicht, den Drachenrittern etwas Derartiges anzutun!"
Ein trauriges Lächeln erschien im Gesicht der Lady. "Nein?", flüsterte sie. "Nun ... wenn Ihr meint, können wir ja nachsehen."
Bevor Grudge etwas erwidern konnte, fand er sich auf dem brennenden Burghof wieder. Die Reitgruppe, die er auf dem Hügel gesehen hatte, war gerade durch das Haupttor eingedrungen. Nun konnte Grudge sie auch aus der Nähe sehen. Raubritter. Sie waren in rostiges Metall und Felle gekleidet, auch ihre Schwerter hatten sicher schon bessere Tage erlebt. Der Vorderste schrie den anderen Reitern Befehle zu. Es war ein grobschlächtiger Mann, mit einem wilden, langen Bart. In seine Augen funkelte Mordgier.
Da erkannte Grudge ihn. Er war älter geworden, hatte etwas zugenommen - und nicht nur an Muskeln -, aber trotzdem... Der Raubritter, der seine Untergebenen nun zum gnadenlosen Abschlachten aufforderte, das sah Grudge jetzt, war er selbst.
Mit einem Schrei stolperte er zurück. Nein, das war nur eine Illusion. So würde er niemals werden. Das war ein Traum.
Hilflos musste er mit ansehen, wie die Bewohner der Drachenburg - Ritter, Ladies und auch Kinder - versuchten, zu retten was noch zu retten war, und kämpften, ohne dass ihre Gegner großen Schaden nahmen. Die Raubritter machten ihrem Namen alle Ehre. Sie verwüsteten, brandschatzen, mordeten und nahmen sich mit, was ihnen in die Hände fiel, sei es ein Bierfass, Gold oder wehrlose Frauen.
"Na, komm her, elendes Weibsbild,", knurrte vor Grudge einer der Eindringlinge. Als Grudge sah, dass er ausgerechnet über Lady Christina stand und sie mit dem Schwert bedrohte, konnte er sich nicht länger zurückhalten. Ohne einen Gedanken an sich selbst zu verschwenden, stürzte er sich auf den Raubritter. Dieser kam sogleich ins Stolpern und fiel hinterrücks auf das Steinpflaster. Mit Genugtuung stellte Grudge fest, dass der Raubritter sich nicht mehr rührte.
"Seid Ihr verletzt?", fragte er die Lady, während er ihr aufhalf.
"N...nein. Ich danke Euch. Ohne Eure Hilfe...", verwirrt brach sie ab. Dann weiteten sich ihre Augen. "Vorsicht, hinter Euch!"
Blitzschnell drehte Grudge sich um. Der Raubritter war wohl doch nicht so regungslos gewesen, wie er angenommen hatte. Grudge sah ihn mit gezogenem Schwert auf sich zustürzen. Er versuchte, der Klinge ausweichen, war aber nicht schnell genug. Ein brennender Schmerz machte sich in seiner Hüfte breit. Taumelnd ging er zu Boden. Als die Welt sich nicht mehr so stark vor seinen Augen drehte, sah er wieder hoch. Nur, um wieder seinen Angreifer zu sehen, der sein Schwert hoch über sich erhoben hatte. "Stirb!", grunzte dieser und ließ die Klinge auf Grudge sausen. Sie durchbohrte Grudges Oberkörper. Während er in die erlösende Ohnmacht fiel, hörte er Lady Christina hinter sich schreien.
Schweißgebadet wachte Grudge auf. Also doch nur ein Traum. Er seufzte erleichtert. Das Essen war ihm wohl nicht besonders gut bekommen.
Draußen war es schon hell. Der Ritter schwang seine Beine über die Bettkante und stand auf. Ein Blick aus dem Fenster zeigte ihm, dass es ein sonniger, wenn auch kalter Tag werden würde. Grudge lächelte. Solange es kein Unwetter wie in seinem Traum gab, war ihm jedes Wetter recht.
Schnell hatte er sich angezogen und ging in das Arbeitszimmer. Es wird Zeit, dass ich dieses Chaos hier einmal beseitige, dachte er, als er die Kammer betrat. Als er sich stirnrunzelnd umsah, entdeckte er auch die zerknitterte Einladung, die in einer Ecke lag. Er ging hin, hob sie auf und legte sie auf den Tisch. Vorsichtig versuchte er, das Papier wieder glatt zu streichen. Sie sah wirklich schön aus, mit diesen eleganten Lettern. Und es war wahrscheinlich besser, mit den Drachenrittern zu feiern, als alleine auf seiner kalten Burg zu sitzen, oder? Grudge haderte nur kurz mit sich, dann durchwühlte er schon seine Kleider nach einem passenden Gewand.

Aus dem großen Saal drang Musik, und das fröhliche Lachen der Feiernden war schon weit auf den Gängen zu hören. Fast alle Drachenritter hatten sich schon eingefunden. Auch zahlreiche Gäste hatten sich unter die Menge gemischt.
Grudge stand an der geöffneten Tür und betrachtete ratlos das Treiben. Nun war er also hier. Und jetzt kamen die Zweifel. War er überhaupt erwünscht? Sein letztes Zusammentreffen mit den Drachenrittern hatte nicht freundlich geendet. Vielleicht hatten sie sich nur mit der Adresse geirrt, und die Einladung war für einen anderen bestimmt gewesen. Nervös stieg er von einem Fuß auf den anderen. Es war wohl besser, gleich zu gehen, als sich noch einmal dem Spott hinzugeben.
Er wollte sich gerade umdrehen und weggehen, als ihm ein Ritter kräftig auf die Schulter klopfte. Grudge erstarrte. Nicht nur, weil der Ritter ihn um einige Köpfe überragte, sondern auch, weil es ausgerechnet der war, der ihn bei seiner Bewerbung die ganze Zeit über böse angestarrt hatte. Auch jetzt sah er grimmig drein.
Doch der Gesichtsausdruck verflog sofort und machte einem Grinsen breit. "Grudge, na das ist aber eine Überraschung. Ich hätte nicht erwartet, Euch hier zu treffen." Der Ritter drückte dem etwas eingeschüchterten Grudge einen Kelch voll Met in die Hand. "Aber es ist schön, dass Ihr gekommen seid. Je mehr, desto besser." Er wirkte einen Moment nachdenklich. "Auch wenn das heißt, dass für jeden weniger Bier übrig bleibt. Aber gut, alles hat seinen Preis,", meinte er dann wieder fröhlich. "Oh, aber entschuldigt mich jetzt bitte. Ich muss etwas erledigen." Der imposante Ritter stampfte auf eine behaarte Gestalt zu, und schrie dabei laut: " Raaaaasspeeeeeeelllll!!!!"
Grudge schüttelte verwirrt den Kopf. Soviel also zu bösen und gemeinen Drachenrittern.
"Grudge?", hörte er eine Stimme neben sich. Sie gehört tatsächlich Lady Christina. "So etwas ... ich habe Euch gar nicht erkannt, Ihr seht ganz anders aus als bei Eurer Bewerbung."
Grudge wusste nicht, was er darauf sagen sollte, und brachte nur stotternd ein paar Wörter hervor.
"Es freut mich, dass Ihr anscheinend doch nicht so böse auf uns seid, und dass Ihr mit uns feiern wollt. Hättet Ihr vielleicht Lust auf einen kleinen Tanz?"
Grudge lächelte und nickte.
"Ja. Ich würde sehr gerne mit Euch tanzen."