Als die Illuminaten die Zahl wechselten

In einem dunklen Raum stand er. In einem perfekten Kreis, nur durch das gedämmte Licht, das aus der an der Decke herabhängenden Pyramide drang, beleuchtet. Der Rat des Grauens.
Vier der Mitglieder bildeten den Kreis, während das Fünfte in ihrer Mitte stand, die sich direkt unter der Spitze der Pyramide befand, für den Fall, dass eines der Mitglieder sich nicht den Konventionen nach verhielt. Die Fünft trugen graue Roben, deren Kapuzen ihre Gesichter verdeckten. Sie kannten sich nur von ihren Stimmen her. Das machte den Abschied leichter.
"Das ist die dümmste Idee, die du je hattest!", wetterte Nummer Vier den in der Mitte stehenden Nummer Zwei an. Nummer Zwei blinzelte nur unverständlich mit den unsichtbaren Augen.
"Ich fand sie gestern beim Duschen eigentlich ziemlich brillant,", meinte er schmollend.
"Aber Vier hat recht,", versuchte Nummer Eins zu vermitteln. Er war das älteste Mitglied, was den Dreck und die Löcher auf und in seiner Robe erklärten. "Das wirft unser ganzes Konzept durcheinander."
Fünft überlegte, welches Konzept Eins meinte. Eroberung der Weltherrschaft? Zusammenbruch der Weltwirtschaft? Förderung von Microsoft? Beim letzten Gedanken schlich sich ein breites Grinsen auf sein Gesicht, und er konnte sich gerade noch zurückhalten, "Dafür" zu rufen.
"Ach was, von wegen Konzept. Wir brauchen sowieso einmal einen Imagewechsel." Zwei machte eine weitschweifige Geste in die Runde. "Seht euch doch an, wer nimmt uns denn in dieser Mittelalterkluft schon ernst? Und die Pyramide haben wir sowieso von den Ägyptern abgekupfert, heutzutage wollen die Leute neue, kreative Ideen. Unser ‚Konzept' wirkt nicht mehr."
"Für das ‚neue, kreative' haben wir doch das Auge...,", murmelte Vier.
"Oooh ja, das Auge, natürlich. Als ob es nicht auch so schon genug Leute gäbe, die ohne uns unter Verfolgungswahn leiden. Damit verjagen wir unsere Untergebenen eher."
"Die Schmuckanhänger verkaufen sich aber ziemlich gut,", warf Vier wieder ein.
Eins unterstützte ihn. "Außerdem lässt sich die 42 weit nicht so gut vermarkten wie die 23. Es gibt keinen 42. eines Monats, an dem Präsidenten erschossen wurden. Vier durch Zwei ergibt auch nicht 0,666. Erklär' mal den Satanisten, dass sie von nun an die Zwei anbeten sollen!"
"Ahwas, ihr seht doch nur das Negative und wollt gar nicht die positiven Seiten erkennen. Und so was schimpft sich Erleuchtete." Zwei wurde langsam ärgerlich. Diese Dummköpfe wagten doch tatsächlich, seine genialen Geistesblitze in Frage zu stellen. Ignoranten! "Vier durch Zwei. Dann haben wir schon zweimal die Zwei, zudem eine essentielle Zahl der heutigen Mathematik. Und die erste Primzahl."
"Die zweite, die erste ist Eins,", wurde er von Fünft unterbrochen, der kurz aus seinen Grübeleien aufgeschreckt war.
"Wo wir wieder bei der Eins wären,", fuhr Zwei unbeirrt fort. "Zwei durch Vier mal Zwei: Eins. Und wieder die Zwei. Wenn das keine guten Marketingideen hervorbringt. Die essentiellen Zahlen des heutigen Lebens! Und wenn wir etwas tiefer graben, finden wir sicher auch ein paar Morde, die am 4.2. verübt wurden. Ein paar Hintertüren haben wir uns sowieso offen gelassen, ich denke nur an Jack the Ripper. Sagen wir einfach, er wurde an einem 4.2. gefangengenommen, dazu noch ein paar weitere Fakten und bald stehen wir als Weltrettungsorganisation da. Die Leute werden uns lieben." Zwei war immer euphorischer geworden.
"Ähm...", Eins fragte sich, wie oft Zwei in der Dusche ausgerutscht war. "Wir wollten nie eine Weltrettungsorganisation werden."
Zwei stutzte. "Und was ist dann mit Ewiger Blumenkraft? Blumen sind doch ... zumindest aufmunternd."
"Mittel zum Zweck um den Drogenverbrauch zu erhöhen und die Jugend leichter kontrollierbar zu machen."
"Oh."
Schweigen.
"Aber das ließe sich doch so schön mit 42 und Weltrettung ausbauen. Wir könnten Blumensträuße mit 42 Blumen verkaufen. 23 sehen etwas mickrig aus, aber 42 werden bei der Masse sicher einschlagen. Außerdem haben wir die Jugend schon unter unserer Kontrolle, mit 42 würden wir auch die älteren Leute ansprechen. Vor allem die in ihrer Midlife-Crisis müssten doch leicht beeinflussbar sein."
"Warum ein gut funktionierendes Konzept ändern?", ignorierte Eins den Einwand.
Drei bewegte sich unbemerkt immer weiter von dem perfekten Kreis weg.
"Das habe ich doch schon gesagt. Man will neues, aktuelles sehen. Wir sind alt, meine Herren."
Fünf horchte wieder auf. "Ich fühle mich aber noch nicht alt,", sagte er beleidigt.
"Rein metaphorisch gesehen, natürlich,", lächelte Zwei. Er würde diese Spießer schon herumkriegen.
Von Drei war mittlerweile nur noch ein verschwommener Schemen zu sehen. Eins machte einen hastigen Wink in seine Richtung, der von den anderen unbemerkt blieb.
"Ich meine,", Zweis Gesichtsausdruck war beinahe flehend. "Irgendwann müssen wir doch an die Öffentlichkeit gehen. Hunderte von Jahren im Verborgenen, so können wir doch gar nicht wirken. Um wirklich einflussreich zu werden, brauchen wir Medienpräsenz, nicht nur vage Gerüchte. Und wenn wir in die Öffentlichkeit gehen, können wir nicht einfach alle Gerüchte wahr sein lassen."
Eins hob eine Augenbraue. "Wer hat denn überhaupt dafür gesorgt, dass diese Gerüchte, die zufälligerweise alle wahr sind, an deine geschätzte Öffentlichkeit kommen?" Er verschränkte die Arme vor der Brust.
"Äh, na ja, du weißt doch..."
"Ja, ich weiß, dem einen oder anderen oder dreiundzwanzigsten Gläschen kannst du einfach nicht widerstehen."
"Und ... und was bringt uns dieses Verstecken eigentlich?" Zwei wurde nervös. Das sah nicht gut aus.
"Geld ohne Medienrummel? Keine Verpflichtungen? Die angenehme Intimität einer kleinen, vertraut Runde?" Beim letzten Satz rückte Vier ein Stück von Fünf weg.
Eins stöhnte.
"Aus, Schluss, ich kann diesen Unsinn nicht mehr hören. Drei!"
Und als Drei den Knopf an der Wand drückte, machte die Pyramide über Zweis Kopf ein unverheißungsvolles Geräusch.