Tad Williams: The War of the Flowers ("Der Krieg der Blumen")

Klappentext (der Originalversion):
In the great city, in the dimly lit office of a mighty tower, two deadly creatures meet. A dark bargain is struck, and the master of the House of Hellebore gives an order: "War is coming. The child must die."

In our world, a young man discovers a manuscript written by his great uncle. It seems to be a novel - a strange fairy tale of fantastic creatures and magical realms. But it is written as a diary ... as if the events were real ... as if his uncle had sought and found another world.

Or as if another world had found him...

Theo Vilmos ist ein ganz normaler Amerikaner im besten Alter. Nun, vielleicht nicht ganz normal. Die langen Haare, die Affinität zum Motorradfahren und die Tatsache, dass er arbeitslos ist, aber trotzdem (vorerst) genug Geld hat, um sich ein paar Monate in einer einsamen Hütte zu leisten, heben ihn etwas vom Durchschnitts-Menschen ab. Aber wie jeder Durchschnitts-Mensch hat Theo seine ganz besondere und nach Murphy’s Law geballte Pechsträhne. Seine Frau erleidet eine Fehlgeburt und verlässt ihn daraufhin ohne ein Wort und nur mit den verachtungsvollen Blicken ihrer Eltern, wirft ihn aus der Wohnung, weshalb er zu seiner Mutter ziehen muss. Nach wenigen Monaten erfährt er, dass diese sich aufgrund eines Tumors zu dem Ungeborenen begeben muss. So steht Theo schließlich alleine und seiner letzten Stütze beraubt da. Um sich nach dem Höllentrip den letzten Fragen der Selbstfindung zu stellen, verkauft er das mütterliche Haus und besorgt sich stattdessen ein abgelegenes in den Bergen, mit einem Finanzpolster, der zumindest die ersten Monate vorhalten sollte. Mit sich nimmt er das mysteriöse Manuskript eines tot geglaubten Verwandten. Es erzählt von der Welt Faery und seinen Feenbewohnern, die so ganz anders wirken als unsere modernen Feen. Und da das Buch im Buch nicht alles sein kann, muss Vilmos am eigenen Leib erfahren, dass Faery nicht das Hirngespinst einen Onkels ist, sondern wirklich existiert. Auch muss er erfahren, dass die Totgeburt seiner Frau nicht so willkürlich geschehen ist, wie er annahm. 

„The War of the Flowers“ hebt sich in vielerlei Aspekten von Tad Williams’ bisherigen Werken ab. Zuallererst – und was vom Verlag am meisten promoted wird – ist es ein Buch ohne Nachfolger. Es wird also nicht wie bei Otherland oder beim Drachenbeinthron noch drei weitere Bände geben, nein, die Geschichte ist in (immerhin doch) 675 Seiten abgeschlossen. Und was für eine Geschichte!

Tad führt uns weg vom normalen Feen- oder auch Elfenbild und bringt uns eine Rasse näher, die nicht im Mondlicht tanzt, lacht und musiziert und schon gar nicht nett ist. Seine Elfen entsprechen nur bedingt denen Tolkiens, die unsere Vorstellung geprägt haben. Zwar sind sie wunderschön und anmutig, aber ihre Welt besteht nicht aus Musik, sondern aus knallharter Politik. Sieben führende Familien rivalisieren sich um die Herrschaft Faerys, seit sich das Königspaar (auch als Oberon und Titania bekannt) zurückgezogen hat. Dabei schrecken sie nicht vor Massenmord, Menschenexperimenten oder tückischer Intrige zurück.

In diese Welt wird Theo geworfen, als helfende Hand nur das Manuskript und die gelegentlichen Ratschläge der etwas zickigen Fee Applecore (die schon mehr unserem Feenbild entspricht, wenn auch der Niedlichkeitsfaktor nicht ganz zutrifft), die ihn vor einem Mordanschlag bewahrt hat. Theo reist durch das Land, lernt verschiedenste Rassen und Elfenfamilien inklusive ihrer Eigenarten kennen und erfährt dadurch von seiner eigenen Verwicklung in der Geschichte, sowie der seines Onkels.

Für mich persönlich ist „The War of the Flowers“ ein großer Schritt im Bereich Fantasy. Tad bringt es fertig, die Klischées nicht wiederzukauen, sondern wirklich neue Dimensionen zu setzen. Schon die Tatsache, dass die Elfenfamilien die Namen von Blumen tragen – wodurch der Titel zustande kommt – gibt dem Roman eine wunderbare Atmosphäre. Hinzu kommt, dass er Themen, die auch bzw. vor allem außerhalb des Fantasy-Bereichs diskutiert werden, anspricht und in sein Setting einbaut. Klassensystem, Sklaverei und natürlich Klischéedenken (sowie viele mehr) werden geschickt mit der Geschichte verflochten und bilden einen Bezugspunkt, in dem der Leser sich wieder finden kann. Dies wird mit einer gehörigen Portion Humor verpackt, hauptsächlich von der Fee Applecore getragen, die man im Verlauf der Geschichte so richtig lieb gewinnt.

Wirklich, ich würde den ganzen Tag Fantasy lesen, wenn in jedem Fantasy-Buch so viel Fantasie und Innovation liegen würde. Wer etwas Gutes und Neues lesen will und eine Geschichte, in die man nach den vielen Tolkien-Kopien wieder so richtig eintauchen kann, sollte diesen Roman lesen. Ich lege ihn jedem Liebhaber des Genres wärmstens ans Herz. Und weil ich mir vorstellen kann, dass der Übersetzer bei dem Buch einen Höllenjob hat und weiß, dass Namen wie Thornapple, Primrose oder Applecore im Deutschen einfach nicht so gut klingen werden, geht meine Empfehlung natürlich wie immer ans englische Original hinaus. Ich bereue es zumindest kein Stück, dass ich mir das Oversized-Format gekauft habe.

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Tad Williams: Rite

Verlag: Subterranean Press
Seiten: 480
Sprache: Englisch

Tad Williams gehört für viele Fantasy-Begeisterte zu den Besten der Szene. Mit kiloschweren Romanen zeigte er, dass er auf 600 bis 2000+ Seiten mitreißende Geschichten erzählen kann, und auch Otherland verriet, dass Williams sich nicht nur auf Fantasy beschränkt, sondern auch hervorragende Science Fiction schreiben kann.

Das bei Subterranean Press erschienene Rite stellt wieder Neuland auch für den geübten Williams-Leser dar. Es ist eine Kurzgeschichtensammlung mit Geschichten verschiedenster Genres. Auch zwei Fernseh-Skripte haben ihren Weg in die Sammlung gefunden.

In der Vielfalt, die auf 480 Seiten geboten wird, sollten die meisten Leser etwas für sie Interessantes finden. Die oft vom Phantastischen zumindest angehauchten Kurzgeschichten nehmen den Großteil des Buches ein, gefolgt von den Skripten, sowie Buch-Rezensionen und einer Hintergrundgeschichte von Williams’ ehemaliger Band Idiot. Die Kurzgeschichten selbst umfassen Fantasy, Science Fiction (darunter eine Fortsetzung der Otherland-Geschichte, die sich um den beliebten Charakter Orlando dreht) und auch Fanfiction zu Moorcocks Elric-Serie. Ebenfalls befindet sich eine Geschichte in der Sammlung, die aus Williams’ Shadowmarch-Serie stammt. Doch auch wenn einige der Geschichte Vorwissen verlagen, können sie ohne jenes ebenfalls gelesen und genossen werden. Es gehen zwar einige Nuancen verloren, doch jede Geschichte kann auch als ein für sich stehendes Werk gesehen werden.

Schon die ersten Kurzgeschichten überzeugen, dass Williams auch bei kleiner Seitenanzahl sehr lesenswerte Geschichten niederschreiben kann. Die Themen- und Genrevielfalt bringt stets eine interessante Abwechslung in das Lesevergnügen. Herausstechend sind vor allem einige Stilexperimente, wie z.B. „Not With a Whimper, Either“, das dem Aufbau von Kommunikation in Internet-Foren folgt. Diese Geschichte sticht an Witz und Form besonders unter der Sammlung hervor.

Der Teil der Fernsehskripte und Non-Fiction kommt leider nicht an die Qualität der Kurzgeschichten heran, was jedoch zum Teil am Genre liegt. Im Gegensatz zu den Kurzgeschichten braucht man hier das Vorwissen um die Bücher, die rezensiert werden (bzw. deren Autoren), da die Texte ansonsten schwer verständlich sind. Die Fernsehskripte sind amüsant, jedoch – wie Dramen – vom Stil her ursprüunglich nicht zum Gelesen-Werden gedacht. Dennoch bieten sie einen netten Einblick in die Vielseitigkeit Williams’ und entlocken doch das eine oder andere Schmunzeln.

Inhaltlich ist Rite letztendlich eindeutig empfehlenswert, nicht nur für Williams-Fans. Auch die Aufmachung des Buchs ist sehr schön. Subterranean Press ist bekannt für Bücher, die für Liebhaber gemacht werden, was an Rite eindeutig erkennbar ist. Jede Kurzgeschichte wird von einer qualitativ hochwertigen Zeichnung begleitet, die ebenso viel Aufmerksamkeit verdienen wie die Geschichten selbst. Auch der Einband des Buchs ist sehr gut, so wie die Schutzhülle mit dem stimmungsvollen Cover. Alles in allem ein Buch, das man gerne im Regal stehen hat.